Zeitung Heute : Rettet den Martin

Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.
Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.Zeichnung: Tsp

In Bad Homburg, nicht weit von Frankfurt am Main, haben sie, um auf die anderen Kulturen Rücksicht zu nehmen, das Martinsfest umbenannt. In der städtischen Kindertagesstätte Leimenkaut wird am 11. November nicht mehr St. Martin gefeiert, sondern das bisher unbekannte „Sonne-Mond-und- Sterne-Fest“. Dies meldet die Frankfurter Lokalpresse. Den Eltern wurde gesagt, der neue Name verhindere, dass Menschen mit nichtchristlichem Hintergrund diskriminiert werden. Außerdem sei der neue Name politisch korrekter.

Sankt Martin ist ein Mann – Sonne, Mond und Sterne dagegen werden als geschlechtsneutral wahrgenommen. Sicher, es könnte auch heißen: Martin- und-Martina-Tag. „Martin“ kommt aber aus dem Lateinischen und bedeutet „Sohn des Krieges“. Der Tag hieße dann „Tag der Söhne und Töchter des Krieges“. Bei den Diskussionen, die es dazu in der Kindertagesstätte Leimenkaut gibt, will ich nicht dabei sein. Interessanterweise wird das Fest genauso gefeiert wie früher, mit Laternenumzug und Feuer, nur der Name ist weg, sowie der Martin.

Einen anderen, aber viel problematischeren Weg ist in Bad Homburg bereits vor Jahren die Kita in der Engelsgasse gegangen. Dort haben sie „St. Martin“ abgeschafft und durch „Halloween“ ersetzt. Gewiss, die ausgehöhlten Halloween- Kürbisse sind geschlechtsneutral, biologisch angebaut und auch religiös in keinster Weise festgelegt. Andererseits bieten gerade die Halloween-Verkleidungen viel Raum für frauen- oder behindertenfeindliche Zumutungen. Man muss sich nur mal eine Kindertagesstätte voller Hexen, Buckliger und böser, hinkender Giftzwerge vorstellen. Irgendwann in den kommenden Jahren wird es die große Halloween-Verbots-Debatte geben, auch wegen der Süßigkeiten, die Kinder da in sich hineinstopfen. Die Kita in der Engelsgasse ist etwas unüberlegt vorgegangen.

Ich habe immer gedacht: Toleranz bedeutet, dass man die Vielfalt der Welt, der Menschen und ihrer Bräuche gelten lässt. Wenn man die Unterschiede abschafft, braucht man meiner Ansicht nach auch keine Toleranz mehr. Aus Kirchenkreisen wurde in Bad Homburg gesagt, dass es beim Martinsfest immerhin um den Gedanken des Teilens gehe und um Solidarität mit den Armen. Martin teilt seinen Mantel und gibt die Hälfte davon einem Frierenden.

Das sind Ideen, die nicht nur im Christentum vorkommen, sondern auch in anderen Religionen sowie in den Programmen vieler deutscher Parteien. St. Martin wäre, so gesehen, der ideale Tag, um in den Kindertagesstätten über höhere Spitzensteuersätze zu diskutieren. Im Mittelalter aber war der Martinstag das Datum, an dem man seine Zinsen bezahlen musste. St. Martin, Tag der Verschuldungskrise! Vielleicht ist das die Rettung für den Martin.

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