Zeitung Heute : Revanche im Geheimen

Frank Jansen

Im Fall al Masri mehren sich die Hinweise, dass der Deutsch-Libanese gezielt von der CIA festgehalten wurde. Wurde er also doch nicht wegen einer Verwechslung verschleppt?


In Sicherheitskreisen wachsen die Zweifel an der halboffiziellen Version der Amerikaner, Khaled al Masri sei irrtümlich verschleppt worden, weil man ihn mit einem gleichnamigen Al-Qaida-Mann verwechselt habe. Unabhängig voneinander schildern zwei Sicherheitsexperten dem Tagesspiegel „plausible Theorien“ zur Entführung, die im Wesentlichen identisch sind. Demnach hatte die CIA entweder bewusst die Gelegenheit genutzt, die sich beim Jahreswechsel 2003/2004 bot, als al Masri nach Mazedonien gereist war – oder der Geheimdienst hielt ihn, sollte er anfangs doch verwechselt worden sein, nach Feststellung der Identität erst recht länger in Afghanistan fest.

Nach Ansicht der zwei Experten hatten die Amerikaner an dem Deutsch-Libanesen aus zwei Gründen Interesse. Die CIA wollte wissen, wie weit die IslamistenSzene in Neu-Ulm mit Al Qaida verwoben ist. Das „Multikulturhaus“ in der nordbayerischen Stadt gilt als einschlägiger Treffpunkt. Auch al Masri verkehrte dort.

Der zweite Grund hängt mit dem ersten eng zusammen und lässt vermuten, dass die Amerikaner sich für mangelnde deutsche Kooperation revanchieren wollten. Die beiden Sicherheitsexperten halten es für „plausibel“, dass die CIA sich al Masri schnappte oder zumindest lange festhielt, weil der Zugriff auf den Terrorverdächtigen Reda Seyam misslungen war. Indonesische Sicherheitskräfte hatten den Deutsch-Ägypter 2002 in Jakarta festgenommen – nach einem Tipp der Amerikaner. Seyam stand im Verdacht, hochrangiges Al-Qaida-Mitglied zu sein. Später kam noch die Vermutung hinzu, er habe die Anschläge auf Bali mitfinanziert, bei denen im Oktober 2002 insgesamt 202 Menschen starben. Doch ein indonesisches Gericht verurteilte Seyam nur wegen eines Verstoßes gegen Einreisegesetze. Nach zehn Monaten Haft kam er frei.

Die Indonesier übergaben den Mann aber nicht den Amerikanern, wie von ihnen gewünscht, sondern dem Bundeskriminalamt. Beamte des BKA begleiteten Seyam beim Flug nach Deutschland im Juli 2003 – womöglich, um seine Entführung durch die CIA zu verhindern. Aber ein halbes Jahr später geriet ein Bekannter Seyams ins Blickfeld der CIA: Khaled al Masri, der Seyam im Multikulturhaus kennen gelernt hatte und nun fernab des schützenden deutschen Rechtsstaats am 31. Dezember 2003 in Mazedonien auftauchte.

Es sei „plausibel“, sagen die beiden Sicherheitsexperten, dass die Amerikaner entweder nach Unterrichtung durch die mazedonischen Behörden oder später in Afghanistan nach Feststellung der Identität al Masris die Chance witterten, mit der Entführung doch an Informationen über Seyam und die Neu-Ulmer Islamisten-Szene heranzukommen. Das passt zu den Angaben al Masris. Er sei in dem US-Gefängnis in Afghanistan intensiv zu Seyam und Neu-Ulm befragt worden, berichtete al Masri mehrmals. Und erst am Ende der fünfmonatigen Tortur sollen die Amerikaner ihm gesagt haben, er sei verwechselt worden.

Zu den vielen Fragen kommen weitere hinzu, die auch die zwei Experten nicht beantworten: Wenn die CIA in Mazedonien gezielt al Masri ergriff, woher wusste sie von ihm? Und sollte die CIA erst in Afghanistan gemerkt haben, wer al Masri tatsächlich ist – wie kam sie dahinter? Alleine oder mit Anfragen bei deutschen Kollegen, die nichts ahnten – oder doch?

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