Zeitung Heute : Revier-Kämpfe

Der Tagesspiegel

Corinna steht mit ihrer neuen Uniform vor dem Spiegel – ein Moment, der so schön ist, dass sie ihn festhalten muss. Sie fotografiert sich selbst: strahlend, stolz, neugierig auf das, was kommt. Später wird sie das Bild noch einmal anschauen – und sich kaum wiedererkennen.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ (20 Uhr 15, im Ersten) erzählt die Geschichte der Berufsanfängerin Corinna, die aus der Provinz zur Hamburger Polizei kommt und dort eigentlich nie eine Chance hat, Anschluss zu finden. Die junge Beamtin zerbricht an einer langsam ins Albtraumhafte kippenden Revier-Atmosphäre aus Neid, Eitelkeit und einem exzessiven Korpsgeist.

Der Film über Mobbing und sexuelle Belästigung von Regisseur Marc Rothemund ist bereits mit großem Erfolg auf den Internationalen Hofer Filmtagen gelaufen und in der Reihe „German Cinema“ auf der Berlinale.

Autor Fred Breinersdorfer („Anwalt Abel") sucht seine Stoffe gerne in der Realität: Sein Roman über den Aufsehen erregenden Fall des mordenden Polizisten Norbert Poehlke lieferte die Vorlage für den preisgekrönten Film „Der Hammermörder". Auch für „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ hat der ehemalige Anwalt Breinersdorfer sich auf wahre Begebenheiten gestützt: Auf die Selbstmordfälle von vier jungen Polizistinnen aus Berlin, München und Nordrhein-Westfalen, die in den 90er Jahren das Thema Mobbing in die Schlagzeilen brachten.

In seiner Geschichte spiegeln sich die Schicksale der vier Frauen wider: Corinna wird als „Neuerwerbung aus der niedersächsischen Prärie“ auf der Wache eingeführt. Von den männlichen Kollegen werden die Frauen „Streifenbärchen“ oder „Streifenschnitten“ genannt. Zum Ärger der anderen bevorzugt der Revierleiter (Axel Prahl) die Neue. „Ich bin der Eddy“, kumpelt er. Als sich Corinna gegen seine Annäherungsversuche wehrt, ist das ihr erster Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze der Polizeistation. Mit jedem weiteren Versuch, sich von dem Gruppendruck zu befreien, gerät sie tiefer in eine ausweglose Lage.

Für Corinnas Isolation findet der Film beklemmende Bilder: Einmal steht sie im Umkleideraum, als immer mehr Kollegen hereinkommen, sie umringen, sie anstarren. Ein bedrückender Augenblick, voll aufgestauter Aggression, die sich entladen will; alles scheint möglich. Eine Szene, die das Ausgeliefertsein, die Angst und Einsamkeit der Polizistin auf den Punkt bringt.

Anneke Kim Sarnau („Vom Küssen und vom Fliegen“) verwandelt sich erschütternd eindringlich von einer aufgeschlossenen, fröhlichen Frau in ein psychisches Wrack.

Regisseur Marc Rothemund, der – abgesehen von der Krimireihe „Anwalt Abel“ – eher durch Leichtes („Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“) und Albernes („Harte Jungs“) auffiel, gelang ein berührender Film, in dem Machogehabe und fehlende weibliche Solidarität gleichermaßen aufgegriffen werden. Ein Film, der auf beschönigende Ästhetik verzichtet. Iris Ockenfels

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben