Zeitung Heute : Revival

Der Tagesspiegel

Die 80er sind verdammt lang her; das muss reichen. Gutes lässt sich über sie beim besten Willen nicht sagen. Peter Hein von den Fehlfarben, ein Weiser seiner Zeit, hatte gerade in die noch frische Dekade hineingedichtet: „Graue B-Film-Helden regieren bald die Welt“, da kommt schon Ronald Reagan angeritten. Die FDP putscht Kohl an die Macht, Grace Kelly verunglückt, Chapman killt Lennon, Punk stirbt in den Armen von Emi Electrola – und mir geht’s auch schon ganz schlecht. Aber da müssen wir durch jetzt, bis zum bitteren Ende!

Die Achtziger, das ist Aids und Atomkraft, Böll (tot), Barschel (tot) und Becker (Leimen), Compact und Disc, Duran und Duran. England darf nicht mehr beim Fußball gewinnen: wegen Heysel. Die Grufties kommen aus den Gruben gekrochen, klappern mit ihren Knochen, die Grünen sind jetzt Partei. Hitler, so stellt sich heraus, hat nicht mal seine Tagebücher selber geschrieben.

Iggy Pop lebt noch oder wieder, genau weiß das keiner. Ben Johnson rennt für Kanada sehr schnell und schwer auf Pille – die Medaille ist weg. Andere Katastrophen: Tschernobyl zum Beispiel. Bei Aldi stehen jetzt die Ökos in der Schlange, den Wagen voller H-Milch und Konserven aus Benelux. Es fängt an Plutonium zu regnen, wer keinen Anorak trägt, der sagt: Jetzt müssen wir leider sterben. Nie waren Pilze so günstig. Für die Überlebenden stellt CDU-Senator Fink Fördertöpfe auf. Selbsthilfegruppe Berlin.

Lust auf mehr? Lust for life! Wir sind schon bei M. Männer vom Stadtrand und die ab 35 tragen die Haare jetzt ganz kurz mit Schwänzchen. Ja, die waren mal lang! Nirvana werden zur Band, aber das bekommt hier kaum jemand mit. No Nukes steht auf Buttons von Leuten, die anders sein wollen, aber nur ein bisschen. Olympia: Der Westen fährt nicht nach Moskau, der Osten kommt nicht nach Hollywood. Afghanistan ist schuld. Die Pretenders gibt’s auch noch, ganz quicklebendig (das war jetzt der Q-Trick), die Toten Hosen treten auf als die Roten Rosen, Joe Strummer macht mit drei Chelsea- Kids weiter als Clash – und scheitert. Schwarz ist die Farbe, wir sind bei T wie Trampen, das gab’s ja damals noch (heute verstopfen die Studenten die Bahn).

Underground ist schick, der VW-Käfer macht 6000 Kilometer durch Griechenland, zehn Stunden bis zur Wilster Marsch, einmal nass spritzen lassen, zurück in die Görlitzer Straße, x-Mal. Deutschland ist schon von gestern, die Yuppies koksen sich blöd, dann arm. Im ZK Agent aus Türkei – die Mauer ist weg! Vielleicht waren die 80er ja doch nicht so schrecklich. Lorenz Maroldt

Süddeutschland, 1980: Oberbayerische Schulsprecher planen auf einer Tagung in Pullach, einen Steinwurf weit vom Bundesnachrichtendienst entfernt, die kollektive Emigration (aber erst das Abitur, gell!). Groß ist nämlich die Angst vor dem allmächtigen Landesvater Franz Josef Strauß: Jetzt will FJS auch noch Kanzler werden! Aus den schönen Auswanderungsplänen ist dann doch nichts geworden, weil Helmut Schmidt wiedergewählt wird. Und außerdem weht mit der Konstituierung der Grünen als Bundespartei frischer Wind in der Parteienlandschaft. „Ökologisch, basisdemokratisch, sozial, gewaltfrei“ – die Grundzüge grüner Politik. Damals.

Brokdorf, Gorleben, Schacht Konrad, Republik Wendland, Wackersdorf: Namen, die für die Anti-AKW-Bewegung in den 80er Jahren stehen. Startbahn West (Mörfelden, Frankfurt), Hausbesetzerkrawalle (Kreuzberg, West-Berlin), Menschenketten gegen Doppelbeschluss und Pershings in Mutlangen. 1983 stehen Hand in Hand Friedensbewegte über eine Strecke von 108 (!) Kilometern gegen die Nato an. Von einem „friedlichen Jahrzehnt“ wird deshalb gesprochen. Nach heftigen Auseinandersetzungen in den 60ern und 70ern richtet man sich in einem komfortablen Wohlstand ein, auch wenn die steigende Arbeitslosigkeit mehr und mehr in den gesellschaftlichen Mittelpunkt rückt.

Es geht um Bestandssicherung und -wahrung eines neuen Selbstbewusstseins: Proteste sind nicht mehr nur links, nur dogmatisch, nur antidemokratisch. Genau diese Akzeptanz in „bürgerlichen“ Köpfen bringt eine Militanz hervor, stärker und kompromissloser als je zuvor. Die RAF mordet weiter, das linksradikale Spektrum wächst, wenn auch mehr und mehr gespalten.

Helmut Kohl wird Bundeskanzler, die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin stellt den Besucherverkehr wegen Überlastung ein, auf der Glienicker Brücke findet 1984 der größte Agentenaustausch seit 1945 statt. 1986: der La-Belle-Anschlag, das US-Bombardement gegen Libyen, der Super-Gau Tschernobyl, ein Jahr später kommt Ronald Reagan zur 750-Jahr-Feier nach Berlin, Erich Honecker besucht als erster Staats- und Parteichef der DDR die BRD, Verbesserungen im innerdeutschen Reise- und Besuchsverkehr folgen. Das Jahr 1989: Gorbatschow auf Staatsbesuch in Bonn, Massenflucht von DDR-Bürgern nach Ungarn, Montagsdemonstrationen in Leipzig, der Mauerfall. Kohl legt ein „Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung“ vor. War da was? In Süddeutschland werden jetzt wieder Auswanderungspläne geschmiedet. Sabine Beikler

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