Zeitung Heute : Revolution will keiner

NAME

Von Andreas Böhme, Stuttgart

Erinnert sich noch jemand an 1984? Damals, beim Kampf um die 35-Stunden-Woche? Nö. Nur ganz wenige Hände gehen nach oben. Die meisten Porsche-Arbeiter, die jetzt kurz vor Beginn der Frühschicht vor dem verschlossenem Werkstor stehen, sind viel zu jung. Nur die Alten haben den letzten Streik noch im Kopf. So wie Klaus Zwickel. Heute ist er Boss der mächtigen IG Metall und trägt einen eleganten Mantel und die blaue Baskenmütze. Damals sprach er am gleichen Ort als Nachwuchs-Gewerkschafter zu den Arbeitern, bevor die in den Ausstand traten – sieben nicht enden wollende Wochen lang. Und die ausgesperrt wurden, auch daran erinnert Zwickel. „Heute“, ruft er dann in die Menge, „heute beginnen wir wieder einen schwierigen Gang." Und doch ist alles anders. 18 Jahre blieb der Sportwagenbauer von Arbeitskämpfen verschont. Um so größer nun das Interesse der Medien: Kamerateams aus Japan sind angereist, aus England, die Crew eines US-Nachrichtensenders und Fotografen mit Leiterchen.

Berthold Huber, Bezirkschef der IG Metall und Verhandlungsführer, lässt die Menge auf sein Grußwort warten, so viele Interviews muss er geben. Zur Sicherheit nimmt er sich die Berichterstatter erneut vor und mahnt: „Nein, was wir hier tun, ist keine Revolution." Die Betriebsseelsorge Stuttgart verteilt derweil ein Flugblatt: Darauf ein Priester, der weihwasserschwenkend das böse Kapitalismusteufelchen verscheucht und die Überschrift „Streik ist nicht des Teufels". Doch ganz normal ist der Streik weder im Pilotbezirk Baden-Württemberg, und bei Porsche mit seinen Sonderzahlungen bei gutem Geschäftsverlauf schon gar nicht.

Auf die Kosten wird geachtet

Bereits am Sonntagabend war die Spätschicht bei Daimler-Chrysler im benachbarten Sindelfingen in den Streik getreten, Rohbau und Lackiererei standen still. Im Laufe des Montags kamen Porsche (“Symbol für gute Arbeit am Standort Deutschland"), andere Daimler-Werke im Südwesten sowie Audi hinzu. Rund 50 000 Menschen in 20 Betrieben hatte die IG Metall zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Zunächst trifft es die Autoindustrie, doch in den kommenden Tagen sollen vermehrt mittelständische Betriebe bestreikt werden. Rasch hieß es gestern jedenfalls: „Die Streikfront im Südwesten steht.“ Und zwar so geschickt, dass in jedem Betrieb nur ein Tag lang nicht geschafft wird. Das mindert die Kosten, erhöht die Akzeptanz bei der Gewerkschaftsbasis und nimmt, glaubt die Spitze, den Arbeitgebern jede Begründung zur Aussperrung, weil sie den Materialfluss nicht gänzlich lahm legt.

Angeblich will niemand diesen Streik, auch nicht die Gewerkschaftsbosse, wenngleich sie sich auf eine 90-prozentige Zustimmung stützen. „Diese grandiose Zustimmung ist ein klarer Auftrag“, sagt Zwickel, „so lange zu streiken, bis es ein akzeptables Ergebnis gibt." Der Beifall der 600 Arbeiter kommt verhalten, aber vielleicht liegt das an der morgendlichen Kälte. Die Schuldzuweisung jedenfalls ist angekommen: Es sind die Arbeitgeber, die die Metaller „gezwungen haben, den Streik umzusetzen“, sagt ein Porsche-Werker. Indes birgt der Zwang auch Konsens: Daimler wurde so rechtzeitig vorgewarnt, dass 4000 Lieferanten-Laster abbestellt werden konnten – nicht nur, weil Sindelfingen sonst im Verkehr erstickt wäre, sondern weil auch dies dem zügigen Wiederanfahren der Produktion dient. Auch wenn, wie bei Audi in Heilbronn, der Organisationsgrad bei fast 100 Prozent liegt, bekommen Nicht-Gewerkschafter großzügig Urlaubstage oder Freischichten gewährt – es soll niemand verprellt werden. Und die Bundesregierung? Zwickel: „Wir streiken nicht gegen Schröder, sondern für ein gutes Ergebnis."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar