Zeitung Heute : Revolution

Der Tagesspiegel

Von Holger Wild

Vögleinzwitschern, Kindleinlachen, Sonnenschein. Heissa, was für ein Tag! In der U-Bahn singt ein Guitarrero die Ballade vom „Comandante Ché Guevara“. Doch wer braucht schon eine Revolution, wenn der Frühling kommt!

In der Redaktion aber überfällt uns der Alltag der Berliner Politik. Sparen, sparen, sparen. Elend, Elend, Elend. Wir brauchen doch eine Revolution, jedenfalls finanzpolitisch.

Doch siehe da: Es hilft die Nachrichtenagentur dpa. Sie hat „die ausgetretenen Wege“ verlassen und einmal Werbeleute nach ihren Ideen für die Lösung der Finanzkrise befragt. Gleich wird unsere Laune wieder besser: Flächendeckendes Sponsoring könnte Geldquellen, ach: -geysire!, zum Sprudeln bringen, dass Thilo Sarrazin sich bald fühlen wird wie Onkel Dagobert. Kaputte Kirchen und Denkmale werden ja heute schon hinter Werbeplakaten saniert. Warum nicht auch Straßen, meint die Agentur Jung von Matt. AOL malt sein Logo auf den Ku’damm, die Telekom auf die Stadtautobahn, und den Boulevard Unter den Linden ersteigert sich Procter & Gamble. Das ist sogar auf Satelliten-Fotos erkennbar. Für eine Zusatz-Gebühr könnte der Ku’damm auch umbenannt werden; AOL–Damm ist auch schön. Bei 5210 Kilometern Berliner Straßen kommt da einiges zusammen. Der Verband des deutschen Sponsorings denkt ebenfalls „über den Tellerrand“ traditioneller „Denktabus“ hinaus. Sein Vorschlag für die notleidenden Schulen: „Bildungssponsoring“. Das Goethe-Gymnasium wird in eine Coca- Cola-Plane verpackt, das Graue Kloster wirbt für die Religion, die am besten zahlt.

Versteht einer, warum Wowereits Kragenspiegel immer noch unbedruckt sind?

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