Zeitung Heute : Revolution

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

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Es gibt Lieder, da kennt fast jeder die Melodie, aber niemand den Text. Guantara ist so eins. Guantanamera, tschu-tschu-tschu, guajira, Guantanamera, tschu-tschu-tschu, undsoweiter. Geschrieben wurde es von José Martì, einem Dichter aus Kuba, der dort sehr verehrt wird. Das weiß ich, weil ich gerade auf einem kubanischen Fest war, einer „Fiesta de Solidaridad“. Was Politisches, also.

Es ging um Solidarität für Kuba. Um Milch für Kubas Kinder, um lateinamerikanische Asthmakranke, um die Förderung alternativer Energien in der Karibik, gegen den Bacardi-Konzern und für die PDS. Die Stände standen rund um eine Lichtung im Lichtenberger Stadtpark, drum herum hohe Bäume. Es gab Kuchen, eine Stellwand mit Martì-Bildern und Erdbeerbowle für 75 Cent. In der Mitte war eine Bühne aufgebaut, darauf wurde Salsa-Musik gespielt. Vor der Bühne wippten ein paar Kubanerinnen Hüften in Stretchjeans mit Strassapplikationen. Die meisten Festbesucher trugen Cuba-T-Shirts oder Che-Guevara-T-Shirts, fast alle Kinder einen Luftballon in der Hand von der Zeitung Neues Deutschland, die an ihrem Stand Abonnenements verteilte und diese Pappschirme, die man sich mit einem Gummiband am Kopf befestigt. Auch davon machten meist Kinder Gebrauch. Von der Möglichkeit, sich von Erich Selbmann Bücher signieren zu lassen, dagegen nur die Erwachsenen.

Selbmann saß hinter einem Stand, ein alter Herr mit rosigem Gesicht im kurzärmeligen weißen Hemd. Selbmann war mal Chefredakteur der Aktuellen Kamera, der, wie es heißt, langweiligsten Sendung des DDR-Fernsehens. Einem Standbesucher sagte Selbmann, er sei als Jungaktivist „bei Eko“ gewesen. Ein Besucher sagte, er kennte Selbmanns Vater noch aus dessen Zeit als Minister. Ja, das sei lange her, sagte Selbmann und, dass er 76 sei. Sein Besucher sagte, er sei 75.

Einer, der wahrscheinlich etwas Ähnliches sagen würde, stand neben der Salsa-Bühne und nickte den Tänzerinnen zu. Im braunen Anzug mit Hemd und Schlips stand er da, unterm Arm eine Flasche Rotwein mit getuschtem Che-Guevara-Etikett, die es neben dem Selbmann-Stand für vier Euro zu kaufen gab, in der Hand ein Glas, in das er sehr oft nachschenkte. In der prallen Sonne.

Am Stand der Freien Deutschen Jugend FDJ gab es die Einladung zum antiimperialistischen Sommerlager in Assisi (Italien) und „Stoppt Stoiber“ als Plakette (1 Euro) oder Aufkleber. Die kosteten nichts. Eigentlich. Man sollte spenden. Für die FDJ. Das sei eine marxistisch-leninistische Jugendorganisation, erklärte ein etwa 15-Jähriger, der mit strahlenden Augen den Stand bediente. Oder sozialistisch. Man fände schon gut, was Marx so gesagt hat, aber einige gingen auch in Richtung Mao. Fast wie bei Guantanamera, dachte ich. Jeder hat davon gehört. Aber wer weiß schon, was genau es ist. Ariane Bemmer

Der Lichtenberger Stadtpark hat außerdem einen schönen umzäunten Kinderspielplatz und befindet sich in der Parkaue, Nähe S-Bahnhof Frankfurter Allee. Die FDJ präsentiert sich im Internet unter www.fdj.de . Infos über Kuba-Solidarität auch im Netz unter www.cuba-si.org

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