Zeitung Heute : Revolutionäre Gymnastik

Nils Michaelis

Dies ist die "ewige Geschichte von Arm und Reich, von den Geldsäcken, ihren Schergen und denen, die ihnen nach den Kronjuwelen trachten. Wer gewinnt, ist offen - wer die Sympathien hat, nicht." Mit diesen Worten umreißt Klaus Viehmann schnurstracks ein mythenumwobenes Verbrechen: den Bankraub. Kaum ein Delikt dürfte so viel Neid und klammheimliche Sympathie auf sich ziehen wie der "Bankraub mit Stil" - von den Berliner Tunnelgangstern, die 1995 eine Bank überfielen und eine Geiselnahme inszenierten, um sich im zuvor gebuddelten Tunnel davon zu machen, bis zum legendären britischen Postraub von 1963. Wer sich halbwegs an jene Regeln hält, die ein Bankräuber einst in die Innenseite eines Tresors schrieb, nämlich "ohne Hass, ohne Gewalt und ohne Waffen!", der kann es, wie Jacques Mesrine oder Albert Spaggiari, sogar zum Bestsellerautoren bringen. Wie nun Bankraub funktioniert, wer ihn warum verübt und wie im Zeitalter des Internet abgesägte Schrotflinten, Motorradmasken und Schneidbrenner durch diskret klappernde Tastaturen ersetzt werden könnten, das wird in "Va Banque" aus allen erdenklichen Perspektiven beleuchtet.

Dabei ist es mit dem so genannten perfekten Verbrechen, ausgeübt von technisch brillanten und humanen Gentlemen, meist nicht weit her. Als Paradebeispiel muss hier ausgerechnet der britische Posträuber Ronald Biggs gelten. Ursprünglich ein kleiner Vorstadtganove, war er am Postraub als Handlanger beteiligt. Sein Anteil an der Beute war als Startkapital für ein bürgerliches Leben als Schreiner geplant, doch die Polizei kam ihm schnell auf die Schliche. Auf der Flucht um die halbe Welt verlor er sein Geld dann fast so schnell, wie er es zuvor geraubt hatte. Geschickt inszenierte er, den die Brasilianischen Behörden partout nicht an England ausliefern wollten, den Traum vom süßen Leben als Millionär am Strand von Rio. Seinen Fans verkaufte er derweil persönlich T-Shirts mit dem Aufdruck "I met Ronald Biggs".

Viele der 39 Autoren zeichnen sich durch eine unterschwellig sympathisierende Darstellung politisch motivierter Banküberfälle aus. So bezeichnete Buenaventura Durruti, ein Führer der Spanischen Anarchisten während des Bürgerkrieges von 1936, Bankraub als "revolutionäre Gymnastik". Zwischen anarchistisch und humorig schwankt auch die Weise, mit der sich die Autoren ihrem heiklen Thema nähern. Ralph Winkle bemächtigt sich des Vokabulars der Systemtheorie und rät im Tonfall verschmitzter Neutralität zu umsichtiger Planung: "Seit Niklas Luhmann weiß man, dass eine effiziente Reduktion von Komplexität zum Gelingen sozialen Handelns - wozu unter wertneutralen Vorzeichen auch ein Bankraub gezählt werden kann - beiträgt." Während Martin Kaltwasser untersucht, wie lange betonummauerte Tresorräume im Zeitalter der Elektromeißel dicht halten, beschreibt David Rosenthal, wie es um die Sicherheit von Überweisungen per Internet bestellt ist. Denn was nützen ausgeklügelte Verschlüsselungsprogramme der Bankrechner, wenn sich der moderne Datendieb per Internet in die vergleichsweise schlecht gesicherten Computer unbedarfter Kunden hackt und von dort Überweisungen in die eigenen Taschen lenkt?

Gegen Bankraub der alten Schule gehen die Banken derweil mit zeitschlossgesicherten Tresoren vor, womit, wie Christoph Neumann feststellt, vor allem die Wahrscheinlichkeit blutiger Geiselnahmen steigt. Die Hoffnung der Banken, dass die Aussicht auf schwer kalkulierbare Geiselnahmen potenzielle Täter abschreckt erfüllte sich derweil nicht. Trotz umfangreicher Sicherungen wurden, wie Klaus Viehmann vorrechnet, 1998 von den rund 1300 deutschen Banküberfällen nur 50 Prozent aufgeklärt, während die Höhe des erbeuteten Geldes durchschnittlich 38 000 DM betrug. Wo also Abschreckung wenig nützt, hilft nur noch Aufklärung weiter. Und die leistet das vorliegende Buch.

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