Zeitung Heute : Revolutionäre Zelle

Charles A. Landsmann

Der in israelischer Haft sitzende Marwan Barguti hat überlegt, ob er als Arafat-Nachfolger kandidieren soll. Warum verzichtet er jetzt doch?

Marwan Barguti sitzt in einem israelischen Gefängnis und will irgendwann die Nachfolge von Jassir Arafat als Präsident der palästinensischen Selbstverwaltung antreten. Doch im Augenblick sind seine engsten Mitkämpfer dagegen, und ihrem Rat ist Barguti gefolgt. Sie meinen, er solle zunächst einmal abwarten. Denn in dem offiziellen Kandidaten der Fatah, Mahmud Abbas, sehen sie lediglich eine Übergangslösung.

Ohne Zweifel ist Barguti für die große Mehrheit der Palästinenser der legitime Nachfolger Arafats. Und wenn Abbas nach einiger Zeit dann abtritt, würde Barguti mit Sicherheit gewählt. So das Kalkül seiner Umgebung. Im Moment sitzt Barguti in Isolationshaft im israelischen Gefängnis von Beerscheba – als Verantwortlicher für Terroranschläge verurteilt zu fünfmal lebenslanger Haft.

Kadura Fares, sein engster Mitarbeiter aus früheren Kampfzeiten, durfte ihn am Freitag besuchen und konnte ihn offenbar überreden, nicht zu kandidieren. Am Vortag hatte Bargutis Ehefrau Fadwa dagegen noch erklärt, ihr Mann werde antreten.

Wäre es zu einem solchen Schritt gekommen, hätte der sich in erster Linie gegen den offiziellen Kandidaten der allein regierenden Fatah-Bewegung gerichtet, gegen Mahmud Abbas, auch genannt Abu Masen. Der wurde auf einstimmige Empfehlung durch das Partei-Zentralkomitee nun vom „Revolutionären Rat“ bestätigt. Barguti als Anführer des Fatah-Nachwuchses, der Tansim-Milizen und der Al- Aksa-Brigaden, hätte darum mit einer Kandidatur die Organisation faktisch gespalten: In die Korrupten, aus tunesischem Exil mit Arafat heimgekehrten „alten Kämpfer". Und in die „junge Garde“, die in den besetzten Gebieten erfolgreich während der ersten und zweiten Intifada gegen die israelische Besatzung gekämpft hat.

Trotzdem hat der Intifada-Vorkämpfer Barguti hohe Autorität im Volk. Er könnte der radikalislamistischen Hamas und dem Islamischen Dschihad einen erneuten Waffenstillstand mit Israel mit viel größerer Glaubwürdigkeit schmackhaft machen als Abbas. Auch ist Barguti wohl die einzige Person in der Palästinenserspitze, die die breite Öffentlichkeit zu Konzessionen in Verhandlungen mit Israel bewegen könnte, ohne einen Bürgerkrieg oder Putsch zu riskieren. Deshalb dürfte klar sein: Auch wenn Marwan Barguti diesmal auf die Kandidatur verzichtet hat, in den kommenden Jahren wird Israel auf jeden Fall mit ihm zu rechnen haben.

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