Zeitung Heute : Rezept für Verschwendung

Rainer Woratschka

Die Ausgaben der Krankenkassen für Arzneimittel sind auch im Januar extrem gestiegen. Was sind die Ursachen?


Der erste Beleg, dass es auch im Jahr 2006 munter so weitergeht mit den Ausgabensteigerungen, kommt von Deutschlands größter Krankenkasse. Im Januar habe man wieder rund 13 Prozent mehr für Arzneimittel ausgegeben, sagte Eckart Fiedler, der Chef der Barmer Ersatzkasse, dem Tagesspiegel. Bei den anderen Kassen, so hat er erfahren, sieht es ähnlich aus: Steigerungen „im weit zweistelligen Bereich“, so dass für die gesetzliche Krankenversicherung insgesamt ein Anstieg von 13 bis 14 Prozent zu erwarten sei.

Die Zahlen der Barmer sind aus einem Grund besonders alarmierend: Sie fußen auf einer sehr hohen Ausgangsbasis. Im Januar 2005, dem Vergleichsmonat, waren die Arzneiausgaben bereits geradezu hochgeschossen – um 29 Prozent. Im Jahresmittel lag die Steigerung bei 16 Prozent, rund 3,3 Milliarden Euro. Für Fiedler wäre es „ein Irrsinn, wenn wir uns das noch mal erlauben würden“. 2005 hatte man den Anstieg noch mit dem Wegfall des zehnprozentigen Rabatts erklärt, den die Pharmaindustrie den Kassen bis dahin gewährt hatte. Nun sei damit nichts mehr zu entschuldigen, sagt der Barmer-Chef.

Den Hauptgrund für die steigenden Arzneiausgaben sehen die Kassen bei den Ärzten. Die müssten „sehr viel kritischer verordnen“, sagt Fiedler. Insbesondere kritisiert er die Verschreibung von Scheininnovationen – neue Medikamente, die verteuert, aber nicht verbessert wurden. Es sei problematisch, dass Pharmareferenten für viele Ärzte offenbar die Hauptinformationsquelle seien. „Zwei Millionen Arztbesuche im Jahr hinterlassen ihre Spuren“, sagt Fiedler.

Über die Jahre hätten die Pharmareferenten bei den Ärzten eine „gepflegte Informations-Vormacht“ errungen, sagt auch AOK-Sprecher Udo Barske. Die Mediziner verordneten jedenfalls nicht mehr, sondern teurere Arznei. Und die Patienten hätten nichts davon. Auch die AOK rechnet mit steigenden Arzneiausgaben – zumindest bis das beschlossene Spargesetz im April 2006 in Kraft tritt. Es sieht etwa vor, Ärzte für besondere Großzügigkeit in die Pflicht zu nehmen und für sparsames Verschreiben zu belohnen (Bonus-Malus-Regelung). Außerdem werden die Herstellerpreise für zwei Jahre eingefroren.

Im Ministerium nimmt man die Alarmrufe der Barmer als Rechtfertigung für das vor allem von den Ärzten bekämpfte Gesetz. Doch die Zahlen zeigten, „dass das beschlossene Arzneimittelsparpaket allein nicht ausreicht, um die Ausgaben auf ein vernünftiges Maß zu senken“, sagt Sprecher Klaus Vater. Dringend nötig seien auch mehr Information und Kontrolle der Ärzte durch Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen (KVen). „Sie müssen die Instrumente, die ihnen mit der Reform von 2004 an die Hand gegeben wurden, endlich konsequent nutzen.“ Konkret empfiehlt ihnen das Ministerium eine „stringente Kosten-Nutzen-Berechnung“ von Arznei. Kassen und KVen sollten damit das neu geschaffene Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beauftragen. Danach könne man sich auf Empfehlungen für bestimmte Mittel oder Wirkstoffe festlegen. Damit rennt das Ministerium bei der Barmer offene Türen ein. „Wir müssen die Kosten-Nutzen-Betrachtung forcieren“, sagt auch Fiedler. Doch ohne gesetzliche Grundlage laufe man bei jeder Veröffentlichung Gefahr, an den Einsprüchen der Hersteller zu scheitern.

Die Möglichkeiten der Politik seien begrenzt, sagt Ministeriumssprecher Vater . „Wir können nicht in die Verschreibungen hineinregieren.“ Auch Pharmavertretern könne man die Besuche in den Arztpraxen nicht verbieten. „Aber vielleicht sollten die Ärztekammern doch etwas stärker auf das Berufsethos achten.“

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