Zeitung Heute : Rezepte gegen den Hunger

Weltweit sind die Lebensmittelpreise hoch – und sie werden noch steigen. Wie kann eine Nahrungsmittelkrise verhindert werden?

Dagmar Dehmer

SUBVENTIONEN:

Die Agrarsubventionen in der Europäischen Union und den USA abzuschaffen, wäre das wirkungsvollste Mittel, um die globale Nahrungsmittelkrise zu bewältigen. Würden Agrarprodukte in den Industriestaaten mit Direktzahlungen an die Bauern nicht künstlich billig gemacht, hätten die Bauern in Entwicklungsländern wegen ihrer niedrigen Lohn- und Produktionskosten große Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren nördlichen Nachbarn. Würden die Agrarmärkte im Norden dann auch noch für die Produkte aus dem Süden geöffnet, also Zölle abgebaut, würde die Nahrungsmittelproduktion im Süden sofort steigen. Denn dann lohnt sich das Geschäft für die dortigen Bauern.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Europa wird seine Agrarsubventionen – mit 40 Milliarden Euro der größte EU-Haushaltsposten – nicht abschaffen. Das zeigen die ablehnenden Reaktionen auf den Vorschlag von Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel. Sie will die Subventionsgelder nicht kürzen, sonder nur anders verteilen: Weniger Direktzahlungen an die Bauern, dafür mehr in die ländliche Entwicklung. Doch schon das geht dem deutschen Agrarminister Horst Seehofer und seinem französischen Kollegen Michel Barnier zu weit.

GENTECHNIK: Eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern, auch mit Hilfe der grünen Gentechnik, könnte die Erträge erhöhen. Höhere Erträge wiederum könnten zu sinkenden Preisen führen. Doch das Grundproblem, dass zurzeit 850 Millionen Menschen hungern, weil sie zu arm sind, um sich Lebensmittel zu kaufen, wird durch ein höheres Angebot nicht gelöst.

Die grüne Revolution der 70er Jahre hat die Erträge vor allem in Asien durch den Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden stark erhöht. In Afrika aber funktionierte schon diese erste Stufe der Industrialisierung der Landwirtschaft nicht. Dort wird bis heute vor allem für den Eigenbedarf produziert. Kunstdünger, Pestizide oder hochproduktives Saatgut sind für die Bauern dort kaum bezahlbar. Ohnehin wird die Gentechnik dem eigentlichen Problem Afrikas nicht gerecht, nämlich der Vergabepraxis von Ackerland. In Äthopien bekommen die Bauern das Land von der Regierung zugeteilt, die ihnen die Nutzungsrechte jederzeit wieder entziehen kann. Die Folge ist, dass eine extrem umweltschädliche Landwirtschaft praktiziert wird. Wälder werden abgeholzt, der Verlust an nutzbarem Boden durch Erosion ist so groß, dass die Produktivität sinkt. Eine Landwirtschaft, die darauf achtet, Böden zu erhalten, könnte zur Nahrungsmittelsicherheit mehr beitragen als gentechnische Superpflanzen.

NAHRUNGSMITTELHILFE: Die EU und andere Industriestaaten haben zugesagt, ihre Ausgaben für die Nahrungsmittelhilfe in den Krisenregionen zu erhöhen. Eine halbe Milliarde Dollar hat das Welternährungsprogramm (WFP) für dieses Jahr gefordert, weil die Lebensmittelpreise so rasant gestiegen sind. Mit diesen Mitteln kann das WFP zwar seine laufenden Nothilfeprogramme fortzusetzen und so unmittelbar Menschenleben retten. Doch hilft das Geld nicht, um in den Entwicklungsländern eine stabile und vor allem eigenständige Landwirtschaft aufzubauen. Dagmar Dehmer

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