Richtig handeln : Zivilcourage mit Gefühl

Der tödliche Angriff zweier Jugendlicher auf einen 50-Jährigen an einem Münchner S-Bahnhof hat eine Debatte über fehlende Zivilcourage in Deutschland ausgelöst. Kann man den Mut zum Eingreifen erlernen?

Andreas Oswald

An immer mehr Schulen in Deutschland gibt es Programme, in denen Schülern beigebracht wird, wie sie durch aktives Verhalten gewalttätige Situationen entschärfen können. „Zivilcourage kann man lernen“, sagt der Psychologe Herbert Scheithauer. Der Professor an der Freien Universität hat ein Programm dazu entwickelt, das an Schulen in Berlin und Bremen eingesetzt wird (www.fairplayer.de). Es umfasst sowohl ein Schulungsprogramm für Lehrer als auch einen Schülerkurs von 15 Doppelstunden. Wissenschaftliche Überprüfungen haben ergeben, dass nach solchen Kursen tatsächlich Gewalt und sogenanntes Bullying signifikant zurückgegangen sind. Beim Bullying wird das Opfer nicht körperlich verletzt, es wird ihm jedoch durch anhaltendes Schubsen, Verspotten, Demütigen und Ausgrenzen schweres seelisches Leid zugefügt.

Wie notwendig solche Kurse sind, zeigt nicht nur die Gewalttat von München. Bei Befragungen gaben zwischen neun und zwölf Prozent der Schüler an, dass sie selbst „regelmäßig“ andere Schüler körperlich angreifen oder Bullying betreiben. Ein Zehntel der Schüler versteht sich also vom Selbstbild her als Täter.

Davon, wie Zivilcourage richtig ausgeübt werden sollte, haben Experten eine sehr genaue Vorstellung. Wer Zeuge einer Gewalttat wird, sollte für den Täter deutlich vernehmbar andere Anwesende um Hilfe bitten mit Sätzen wie: „Wir müssen etwas unternehmen, bitte rufen Sie die Polizei.“ Wichtig ist, dass der Eingreifende nicht isoliert handelt. Vor allem sollte er sich nicht selbst gefährden und Abstand halten.

Aber bevor jemand auf diese Weise Zivilcourage zeigt, müssen zahlreiche Voraussetzungen erfüllt sein. Genau hier setzen die Programme an den Schulen an. Der Couragierte hat ein Gefühl dafür, dass eine klare Täter-Opfer-Situation vorliegt. Möglicherweise interpretieren andere Menschen die Situation aber unterschiedlich – und denken etwa, es handele sich um eine interne Prügelei in einer Clique, in die man nicht eingreifen sollte. „Damit habe ich nichts zu tun“, sagen viele passive Gaffer anschließend bei Befragungen. In der Tat sind viele Gewaltsituationen diffus und unklar.

„Die Sensibilität, zu spüren, da ist ein Opfer, haben viele nicht in ausreichendem Maße“, sagt Scheithauer. Hier setzen die Programme an den Schulen an. Durch Anschauungsfilme sowie durch Rollenspiele sollen die Schüler ein Gefühl für Situationen bekommen. Diese Wahrnehmungsebene ist die Grundlage für das weitere Verhalten.

Der nächste Schritt ist die Entwicklung einer eindeutigen Moral, also das Gefühl, „das darf nicht passieren“. Aus der Wahrnehmung einer Situation, dem Mitgefühl und der Moral kann eine innere Verpflichtung erwachsen zu handeln.

Erfolgversprechend sind vor allem Rollenspiele, in denen ein Tätertyp die Aufgabe bekommt, Zivilcourage zu zeigen und andere zu retten. Dabei lernt er, dass er für die Rettung eine andere Anerkennung erfährt, als wenn er als Täter auftritt. Das Tätersein schafft zwar gewünschte Aufmerksamkeit – aber eine negative. Wenn ein Tätertyp rettet, soll er das jedoch nicht mit seinen „bewährten“ Methoden tun, sondern mit jenen, die er noch lernen muss.

Ein Aspekt ist das Abwägen von Vor- und Nachteilen bei einer couragierten Intervention. Wer einschreitet, kann sich selber in Gefahr begeben. Durch Abstandhalten und Hilfeholen kann diese verringert werden. Außerdem gibt es immer die Angst, dass man selber etwas falsch macht, das Gegenteil bewirkt, dass man hinterher als jemand dasteht, der eine noch größere Katastrophe herbeigeführt hat. Dieses Risiko einzugehen, die Folgen eines eigenen Fehlers aushalten zu wollen, ist einer der schwierigsten Schritte.

Dominik Brunner in München ist diesen Schritt gegangen. Es wäre fatal, aus seinem Tod die falschen Schlüsse zu ziehen.

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