Zeitung Heute : Richtig Löschen: Um Daten unwiderruflich zu zerstören, reicht der Druck auf die Delete-Taste nicht aus

Kurt Sagatz

Der Umgang mit den neuen Medien ist der Politik unter der Ägide von Bundeskanzler Kohl nie ganz leicht gefallen. Ob nun das geringe Verständnis dafür, dass nationales Recht im Internet-Zeitalter nur schwerlich auf den Rest der Welt ausgedehnt werden kann oder nun die gelöschten Computerdaten im Kanzleramt: Die Erkenntnis, dass viele lange Zeit gültige Regeln durch die neuen Techniken überholt wurden, reifte erst langsam, vielfach zu spät.

Da wurden offenbar in mehreren Nachtsitzungen zwei Drittel aller Datenbestände im Kanzleramt gelöscht. Rund drei Gigabyte Daten, umgerechnet über 1,2 Millionen Seiten Papier, gingen verloren. Jedoch nur dem Anschein nach, denn immerhin eine Festplatte und 99 Sicherungsbänder fanden sich wieder und konnten rekonstruiert werden. Eine Million Dokumente und eine halbe Million Textbausteine fanden somit den Weg zurück auf die Monitore der Ermittler beim Spenden-Untersuchungsausschuss.

Dabei hätte ein Blick in die gelben Seiten und ein Anruf bei einem Experten genügt, um sich zumindest diesen Ärger zu ersparen. Denn Firmen wie PC-Notruf, die sich auf Erste Hilfe im Computer-Notfall spezialisiert haben, wissen aus ihrer täglichen Arbeit, dass man schon ziemliche Verrenkungen anstellen muss, um elektronische Daten ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.

Zum Verständnis: Grob gesehen gibt es mehrere verschiedene Abstufungen, ein Dokument zu vernichten. Angenommen, es wird mit Windows gearbeitet, führt das einfache Löschen nur dazu, dass die Datei in den Ordner für gelöschte Dokumente rutscht. Doch selbst das endgültige Löschen aus dem Papierkorb heraus führt keinesfalls zur Nichtwiederherstellbarkeit. Vielmehr wird nur der erste Buchstabe der Datei in der Tabelle über sämtliche Dateien auf der Festplatte gegen ein Fragezeichen ausgetauscht, was wiederum über frei am Markt erhältliche Werkzeuge rückgängig gemacht werden kann. Die nächste Stufe in der Vernichtungslogik des Computers sieht die Defragmentierung der Festplatte vor. Doch nicht in jedem Fall werden dabei die gelöschten Bereiche überschrieben.

Diese einfachen Mittel zur Eliminierung rufen bei den Experten somit nur ein müdes Gähnen hervor. Ein Programm wie "Tiramisu" für 340 Mark reicht aus, um die Dokumente wieder sichtbar zu machen, wie Heike Martetschläger von der Böblinger Datenrettungsfirma Ontrack ausführt. Selbst mit Feuer und Wasser ist der Kampf gegen die Unvergesslichkeit nicht unbedingt zu gewinnen, denn um die Nullen und Einsen tatsächlich komplett von der Festplatte zu wischen gibt es nur ganz wenige und umso brutalere Methoden. Die sichersten dürften dabei noch ein extrem starker Magnet oder die Schrottpresse sein, die wohl nicht in jedem Amt vorzufinden sind. Darum reicht es nach den Empfehlungen des Bundesamtes für die Sicherheit in der Informationstechnik aus, die gelöschten Bereiche der Festplatte sieben Mal mit dem Ontrack-Programm Data Eraser zu bearbeiten, das an die Stelle der ehemals geheimen Informationen unsinnige Bits und Bytes setzt. Doch ob das tatsächlich die absolute Sicherheit verspricht? Auch hier gebe es eventuell noch eine extrem kleine Möglichkeit, die aber wirtschaftlich kaum vertretbar sei, so Martetschläger. Vielleicht aber politisch.

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