Zeitung Heute : Richtig praktisch

Arbeitserfahrungen während des Studiums werden immer wichtiger. Doch wie erhält man an eine gute Stelle? Tipps von einem Praktikums-Profi

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„Ich habe schon zig Praktika gemacht: Auswärtiges Amt, ZeitungsRedaktion, Eventagentur“ – vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist es immer wieder ein Erlebnis, Gesprächen von Studenten zum Thema Praktikum zu lauschen. Wie Gorillamännchen klopfen sie sich auf die Brust, um zu zeigen, wer der Chef im Ring des hart umkämpften zukünftigen Arbeitsmarktes der Jungakademiker ist.

Diese kleinen Angebereien sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Praktika tatsächlich äußerst hilfreich sind: Um Antworten auf die Fragen zu bekommen, wo ich später arbeiten will und wie dieses Berufsfeld überhaupt aussieht. Als Ausgleich zur Theorielastigkeit des Studiums sind sie oft ein angenehmes Gegengewicht. In manchen Fächern sind sie schon durch die Studien- und Prüfungsordnungen vorgeschrieben. Sie sind zu einer Schlüsselqualifikation geworden und stehen bei Bewerbungen um einen festen Job mit überdurchschnittlichen Studienleistungen und den ebenso obligatorischen Auslandsaufenthalten auf einer Stufe.

Wie aber finde ich ein Praktikum, dass zu mir passt? Und wie stelle ich sicher, dass es ein erfolgreiches Praktkum wird?

Meist sind es eher die kleineren Praktika, die einem die richtige Tuchfühlung mit dem Arbeitsmarkt bieten und Orientierung geben. Personalchefs wünschen sich zwar viel Praxiserfahrung bei ihren Bewerbern, sind aber gegenüber planlosen Praktikumsammlern und vermeintlichen Lebenslaufoptimierern eher skeptisch. Ein Praktikum im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York macht sich ohne Frage gut in fast jedem Lebenslauf. Beschränkt sich die Hospitanz aber auf banales Datenzusammentragen für die Untersektion eines Nebenprojekts, stellt sich die Frage, ob man bei einer kleineren Nichtregierungsorganisation mit größerer Projektverantwortung nicht besser aufgehoben gewesen wäre.

Die Semesterferien eignen sich aus studentischer Sicht besonders gut als Zeitpunkt für Praktika. Da dies aber auf alle Studenten zutrifft, ist es empfehlenswert, sich frühzeitig zu bewerben. Eine Vorlaufzeit von bis zu einem Jahr ist keine Seltenheit.

Diese lange Zeitspanne hat einen großen Vorteil: Man kann sich ein Zeitfenster für Praktika schaffen und die Doppelbelastung Praktikum plus Hausarbeiten vermeiden: Gezielt ausgewählte Seminare mit Klausuren statt Hausarbeiten schaffen Platz in den Semesterferien. Erfahrungsgemäß reagieren viele Dozenten auch verständnisvoll, wenn sie aufgrund eines Praktikums um eine zweiwöchige Fristverlängerung gebeten werden.

Es spricht prinzipiell nichts dagegen, sich bereits ab dem ersten Semester für Praktika zu bewerben, auch wenn nicht selten ein abgeschlossenes Grundstudium vorausgesetzt wird.

Vor der Bewerbung steht die Vorbereitung. Recherchen über die Praktikumsstelle sind nötig und hilfreich. So kann man schon im Anschreiben zeigen, dass man nicht wahllos Standardbewerbungen abgeschickt hat, sondern sich gezielt auf diese Stelle bewirbt. Im Anschreiben und in einem Bewerbungsgespräch ist es wichtig, nicht nur auszuführen, warum man sich für das Praktikum interessiert. Dazu sollte man deutlich machen, warum das Unternehmen von den eigenen Kenntnissen und Erfahrungen profitieren kann. Hat man fachlich in einem Gebiet nichts oder wenig vorzuweisen, ist das kein Beinbruch. Wissen kann man sich schnell anlesen und dann auch relativ guten Gewissens anführen.

Hat man mit einem hübsch aufgemachten Lebenslauf, einem ausgefeilten Motivationsschreiben und nach einem überzeugenden Bewerbungsgespräch einen Praktikumplatz ergattert, ist die Ernüchterung mitunter groß: Alle Mitarbeiter sind im Stress, für einen selbst fallen nur Kopieren und andere Handlanger-Arbeiten an. Manchmal ist gar nichts zu tun.

Dagegen hilft vor allem in der Anfangsphase nur eines: fragen! Fragen, was es zu tun gibt und wie es geht. Vielleicht hat man manchmal Scheu davor, aber selbst wenn man seinem Ansprechpartner oder gar der Chefin kurzfristig auf die Nerven geht – hinterher weiß man Bescheid, kann sich nützlich machen und eine echte Hilfe sein.

Die letzte große Hürde wartet am Ende des Praktikums: Das Zeugnis, auf das Praktikanten ein Anrecht haben. Gegen Ende des Praktikums sollte man schon einmal klären, wer für das Verfassen des Praktikumzeugnisses zuständig ist. Oft ist es üblich, selbst einen Entwurf vorzulegen, der dann überarbeitet und gegebenenfalls ergänzt wird. Mit dem Zeugnis des Vorpraktikanten als Vorlage und nach einer kurzen Google-Surftour über Inhalt und Sprachcodierung von Arbeitszeugnissen lassen sich auch hier die größten Klippen sicher umschiffen. Keine Skrupel: Wer im Praktikum sehr gute Leistung gebracht hat, darf sich die auch ins Zeugnis schreiben – und für die grammatikalisch miserable, jedoch früher gebräuchliche Codierung einer Eins („erfüllte unsere Ansprüche zur vollsten Zufriedenheit...“) gibt es heutzutage ebenso „sehr gute“ Alternativen.

Am Schluss steht die Frage, ob einen das Praktikum weitergebracht hat und ob es sich lohnt, den Kontakt zu pflegen. Manchmal ergibt sich eine freie Mitarbeit bei der Firma, die einem finanziell und fachlich das Studium erleichtert. Oder der Chef weiß, wer ein guter Ansprechpartner für ein folgendes Praktikum ist.

Nach all den guten Ratschlägen nur noch einer zum Schluss: Praktika sind wichtig, aber sie sollen vor allem eins: Lust machen auf das Leben nach dem Studium.

Der Autor schreibt derzeit seine Diplomarbeit und macht deswegen gerade kein Praktikum. Davor hat er fünf Praktika absolviert, unter anderem im Bundestag und beim Fernsehen.

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