Zeitung Heute : Richtig – und falsch

Die Angst vor der Vogelgrippe wächst. Doch nicht alles, was über sie erzählt wird, trifft auch zu

Dagmar Dehmer Rainer Woratschka

Viele Behauptungen kursieren rund um die Vogelgrippe. Welche davon stimmen? Viele Behauptungen kursieren rund um die Vogelgrippe. Welche davon stimmen nicht?

„Eine Ausdehnung der Vogelgrippe in Deutschland ist unvermeidbar.“

Mit dieser Einschätzung dürfte Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) ziemlich richtig liegen. Auf Rügen ist es bereits außerhalb der Zugvogel-Saison zu einem Ausbruch der Vogelgrippe unter Wildvögeln – vor allem bei standorttreuen Höckerschwänen – gekommen. Umso mehr ist damit zu rechnen, dass einige infizierte Tiere, die aus Risikogebieten in Westafrika, der Türkei oder der Schwarzmeerküste (Rumänien) in ihre Sommerquartiere fliegen, in Deutschland weitere Wildvögel infizieren könnten. Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit (FLI) vermuten, dass dann auch das Risiko außerhalb der Ostseeregion steigt.

„Sollte es zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch kommen, müsste die Fußball-WM abgesagt werden.“

Sollte das H5N1-Virus sich bis Juni so verändern, dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, stünde die Welt vor einer Pandemie, einer weltweiten Grippewelle. In diesem Fall müsste die Fußball-WM tatsächlich abgesagt werden. Nach Auffassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) müsste das gesamte öffentliche Leben zum Stillstand gebracht werden, um nicht weitere Menschen zu gefährden. Sollte die Vogelgrippe aber eine Tierkrankheit bleiben, die in Wildvogel- oder selbst in Nutzgeflügelbeständen wütet, gibt es keinen Grund, die WM abzusagen. Dass Fußballfans in Massen Vogelschutzgebiete stürmen oder durch Hühnerställe ziehen, um Siege zu feiern oder über Niederlagen zu trauern, ist eher unwahrscheinlich. Deshalb geht von ihnen keine erhöhte Gefahr für die Verbreitung der Tierseuche aus.

„Der Verzehr von Geflügelfleisch ist unbedenklich.“

Wird Geflügelfleisch gekocht, ist eine Ansteckung mit dem H5N1-Virus nahezu unmöglich. Das Virus wird nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bei einer Erhitzung auf mindestens 70 Grad abgetötet. Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass Fleisch von infizierten Tieren überhaupt auf den Markt kommt. Die Europäische Union hat Importverbote für Fleisch und Geflügelprodukte aus Ländern erlassen, in denen die Vogelgrippe im Nutzviehbestand ausgebrochen ist. Außerdem sterben beispielsweise Hühner, wenn sie mit H5N1 infiziert werden, innerhalb weniger Tage. Wie für Fleisch gilt auch für Eier, dass sie ohne Risiko verzehrt werden können, wenn sie gekocht werden. Allerdings hören erkrankte Hennen auch schnell auf, Eier zu legen, was die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den Handel kommen könnten, sehr vermindert.

„Kinder können unbedenklich im Freien spielen.“

Es gibt überhaupt keinen Grund, Kinder wegen der Vogelgrippe einzusperren. Der Schaden, wenn Kinder nicht an die frische Luft kommen, ist viel größer, als wenn sie womöglich irgendwo im Park mit dem Kot eines womöglich infizierten Wasservogels in Kontakt kommen. Damit eine Ansteckung vom Vogel auf den Menschen stattfinden kann, muss ein Mensch eine große Menge Viren aufnehmen. Solche Mengen dürften in Parks kaum zu finden sein. Allerdings sollten Kinder keine toten Vögel anfassen – das gilt allerdings auch unabhängig von der Vogelgrippe, heißt es beim Robert- Koch-Institut.

„Ich kann mich anstecken, wenn ich von Vogelkot getroffen werde.“

Es ist nahezu unmöglich, sich auf diese Weise mit der Vogelgrippe anzustecken, selbst wenn der Kot tatsächlich infiziert sein sollte. Das gilt auch für den Fall, dass Vogelkot beispielsweise von einem Autodach abgekratzt wird. Normale Hygiene, wie etwa Händewaschen oder Haarewaschen, falls der Vogel den Kopf erwischt hat, reichen aus, um sich zu schützen. Um sich mit dem H5N1-Virus zu infizieren, müssen Menschen sehr engen Kontakt mit infiziertem Geflügel haben. Da in Mitteleuropa kaum noch jemand mit seinen Hühnern unter einem Dach lebt, ist das Risiko gering.

„Eine Mutation des Virus hin zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch ist unvermeidbar.“

Es ist durchaus möglich, dass die Vogelgrippe eine Tierseuche bleibt. Wenn alles getan wird, um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu begrenzen, muss daraus keine Pandemie werden. Aber das Risiko, dass das Virus sich so verändert, dass es auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, steigt, je häufiger es auftritt. Das Risiko einer Pandemie ist damit zwar nicht wesentlich größer als vor einigen Monaten. Es ist aber zumindest auch nicht kleiner geworden.

„Die Vorräte der Grippemittel Tamiflu und Relenza reichen in Deutschland nicht aus.“

Die Weltgesundheitsorganisation und die Experten des Robert-Koch-Instituts haben empfohlen, Arzneivorräte für 20 Prozent der Bürger anzulegen. Bislang hat sich aber nur ein einziges Bundesland daran gehalten: Nordrhein-Westfalen bunkert sogar für 30 Prozent seiner Bürger die Grippemittel. Im Schnitt ist derzeit für etwas mehr als zehn Prozent der Bürger gesorgt. Allerdings haben Sachsen, Hessen und Bayern bereits Besserung gelobt und eine Aufstockung zugesagt. Tamiflu und Relenza sind jedoch keine Wundermittel. Sie mildern nur den Krankheitsverlauf. Wirklichen Schutz bietet nur eine Impfung. Da das Virus sich aber ändern muss, um von Mensch zu Mensch überspringen zu können, kann ein entsprechender Wirkstoff auch erst dann entwickelt werden.

„Die Vogelgrippe wird durch Zugvögel übertragen.“

Es ist durchaus möglich, dass die Vogelgrippe durch Wildvögel übertragen wird. Allerdings gibt es vor dem Hintergrund der Ausbrüche in den vergangenen Monaten ernst zu nehmende Zweifel an dieser These: Zwar sagt auch das Loeffler-Institut, dass die Vogelgrippe durch Singschwäne nach Rügen eingeschleppt worden sein müsse, die aus Russland vor dem harten Winter geflohen seien. Diese Theorie kann aber nicht wirklich erklären, warum das auf Rügen nachgewiesene H5N1-Virus eine Verwandtschaft mit einem asiatischen Subtyp aufweist, der an einem See in China entdeckt wurde. Außerdem wird bisher behauptet, Schwäne könnten eine Infektion nicht lange überleben. Wie sollen sie es also geschafft haben, das Virus über eine so weite Strecke zu transportieren? Auch angesichts der in Nigeria aufgetauchten Vogelgrippefälle ist die Zugvogel-These brüchig. Dort brach die Seuche in Nutzgeflügelbeständen aus. Seit Ende September viele Zugvögel in Afrika ankamen, wurden in einigen afrikanischen Staaten Kotproben untersucht. Doch das H5N1-Virus wurde dabei nie gefunden.

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