Zeitung Heute : Riechen Sie mal!

Eine Gebrauchsanweisung für Berlin von Jakob Hein

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Wie Sie es auch anstellen: Es gibt sehr viele Berlins und doch ist es dieselbe Stadt. Wir haben vielleicht nicht das Museum von Weltrang, aber wir haben eine unvergleichliche Anzahl großartiger Museen. Es gibt hier nicht den Szenebezirk oder die Gegend, wo die besseren Leute wohnen. Dafür gibt es überall schöne Ecken, angesagte Clubs und Parks. Es gibt hier für jeden genügend Gelegenheit, sich wohlzufühlen, besonders auch für die, die sich niemals wohlfühlen und lieber ohne Unterlass meckern wollen.

Ich hatte die Aufgabe übernommen, eine Gebrauchsanweisung für Berlin zu schreiben. Und ich nahm die Aufgabe ernst und wollte eine ernsthaft nutzbare Bedienungsanleitung für diese Stadt erstellen.Was sollte ich in meiner Verzweiflung tun? Ich nahm das, was uns alle umgibt – die Berliner Luft – und habe versucht, sie zu verstehen. Bereits im Voraus bitte ich sämtliche Fehler zu entschuldigen, ich bin an allem schuld. Und Sie brauchen sich gar nicht bei den Behörden zu erkundigen: Es gibt keine Möglichkeit, mich aus Berlin auszubürgern. Darüber habe ich mich nämlich schon vorher erkundigt.

Es gibt ein Berlin, das nach Senf riecht. „Der gute, ehrliche Senf“, werden die Berliner rufen, die diesen Geruch lieben. Dabei essen sie eine Bockwurst, die man nur bei ihrer Imbissbude essen kann, wie sie gern versichern. Die beste Bockwurst der Stadt. Dazu ein Brötchen und Bier aus einer der Flaschen, die so aussehen wie Nuckelflaschen. Dabei werden die Meldungen aus den Zeitungen mit den großen Buchstaben diskutiert.

Aber es gibt auch ein Berlin, das nach Ketchup riecht. „Lecker Ketchup!“, heißt es in diesem Berlin. Hier stehen die ausgehungerten Touristen, die vor der Komplexität des gastronomischen Angebots kapituliert haben und nun das essen, was überall gleich schmeckt. Dahinter stehen die Teenager, die sich hier gern treffen und die bald auch hier arbeiten werden, mit einem Mikrofon am Kopf. Man redet über die neueste Platte des neuesten Sängers und über den komischen neuen Jungen auf dem Schulhof. Am Nachbartisch wird darüber diskutiert, ob man heute das jüdische Museum noch schafft oder ob man sich lieber ins Planetarium setzt oder ob man es überhaupt nur noch ins Hotel schafft, wenn man doch abends noch ins Musical will.

Vergessen wir nicht das Berlin, das nach Knoblauch riecht. Frischer, herrlich stinkender Knoblauch aus den Soßen, über denen sich die Dönerspieße drehen. Hier stehen die Studenten, trinken kostenlosen Tee aus kleinen Gläsern und bemühen sich, den Namen des Inhabers richtig auszusprechen. Der liest entnervt im Hürriyet und freut sich über sein neues deutsches Auto, das er natürlich hinter dem Laden geparkt hat.

Ehrlicherweise gibt es auch das Berlin, das nach Hundekot riecht. Erstaunliche Besitzer lassen sich von ihren erstaunlichen Kreaturen an der Leine über die Gehwege ziehen und beide Kreaturen genießen es, in der vermutlich letzten großen Stadt der Welt zu leben, in der es noch nicht zum guten Ton gehört, die Abfälle zumindest des einen sachgerecht zu entsorgen. Man findet leicht Kontakt an der Leine und kommt über die Eigenarten der Vier- schnell auch zu denen der Zweibeiner und mit etwas Glück sogar zu einem gemeinsamen Konditoreibesuch.

Aber natürlich findet die Nase in Berlin auch einen alten Duft von Chanel. Es gibt ihn auf jeden Fall auf dem Kurfürstendamm oder spätestens in einem großen Kaufhaus am Tauentzien. Hier wird man ungefragt darüber informiert, dass man „alter Westberliner“ sei und Wert auf einen etwas distinguierten Geschmack lege. Insbesondere die frischen Austern in der berühmten Etage ließen sich mit einem Glas hervorragendem Champagner gekonnt herunterspülen.

Doch man braucht von hier nicht lange zu fahren für das Berlin, das nach den Kräutern der Provence riecht. Gern werden für den Gast ein paar Nudeln mehr in den Topf geworfen, wenn man nicht gleich gemeinsam zum Italiener am Eck gehen möchte. Davor würde man allerdings lieber noch einmal die ungebleichten Windeln der Kinder wechseln und muss daran denken, den aus Naturkautschuk geschnitzten Nuckel einzupacken, ohne den das ganze Unternehmen ein sehr lautstarkes Vergnügen werden kann. Andererseits habe man bei der letzten Vollversammlung gehört, dass eben jener Italiener seine Pizzaöfen mit Atomstrom beheizen würde und einigt sich schließlich, lieber doch nur ein paar Nudeln mehr ins Wasser zu werfen.

Keineswegs unwichtig ist das Berlin, das nach Koriander riecht. Hier wirft man sich noch einen Tropfen Parfüm hinters Ohr, bevor man über die abgezogenen Dielenböden der großzügigen Zimmerflucht seiner Altbauwohnung direkt ins Taxi zur Oper rauscht. Hinterher tauscht man sich in einem hervorragenden Restaurant mit überraschenden Kreuzungen aus kreolischer und aserbaidschanischer Küche darüber aus, was am meisten missfiel. Angesichts der Höhe der Rechnung wird es den Außenstehenden wundern, wie heftig sich die Versammlung darum am späten Abend zu streiten weiß.

Noch ein paar Stunden später erst erwacht das Berlin, das nach Limonen riecht, die massenhaft vorgeschnitten in verschiedene bunte Cocktails fallen. Die Eiswürfel klappern auf Druck der Schallwelle aus riesigen Lautsprecherboxen, die eine der Tausend garantiert besten Musiken der Welt spielen. Die Würfel im einen Glas schmelzen unter den sinnlichen Händen des Manns mit dem roten T-Shirt, während die anderen auf den alles versprechenden Lippen der Frau mit den braunen Augen zergehen. Die Nacht und die Musik werden zeigen, ob zusammenkommt, was zusammengehört.

Einen Hauseingang weiter riecht Berlin nach Anis, das in exotischen Getränken vermixt wird, die garantiert verboten sind, nur nicht heute Nacht und sicher nicht hier. Das Zigarettenpapier umschließt nur ein wenig Tabak, wer nichts Schwarzes anhat, ist sicher gerade am Gehen. Man könnte über so vieles reden, aber im Moment erscheint es noch schöner, gemeinsam über alles zu schweigen.

Das Berlin, das nach Latex, Lack und Leder riecht, ist vielleicht etwas schwerer zu finden, aber gegen ein etwas besser bemessenes Trinkgeld hilft einem der Taxifahrer seines Vertrauens da gern und schnell weiter.

Wir wissen nicht mehr, ob es noch späte Nacht oder schon früher Morgen ist, wenn die Schritte vorbeieilen am Berlin, das nach Urin riecht. Nach Kleidung, die manchmal schon seit Jahren nicht mehr gewaschen wurde. Nach billigem Alkohol, schlechter Ernährung und dem Ende von Würde. Vor allem im Winter geht es darum, die nächste Nacht zu überleben. Die Welt, in der es Heizungen, Ärzte und Ruhe gibt, ist scheinbar nahe und doch gelingt es nur, sich an ihre Betonmauern anzulehnen, um über ihren Heizungsschächten nicht zu erfrieren.

Gern lassen wir uns darum ablenken und mitreißen vom Berlin, das nach Kaffee riecht. Kaffeegeruch aus der Tasse, die mit einem Lippenstiftabdruck noch auf dem Küchentisch steht, während man schon in seinem Bus sitzt. Man hätte sich verdammt noch mal eine Stulle machen sollen mit dem Brot, das einem jetzt im Küchenschrank vergammelt. Aber es war so knapp, dass man jetzt wieder mit seinem Bäckereistück dasitzt. Und obwohl man eigentlich müde ist, kann man nicht anders, als sich mit seinem Sitznachbarn über den Film von gestern zu unterhalten. Mit dem fährt man schon seit Jahren immer im selben Bus, aber kennengelernt hat man sich damals genauso wie heute Morgen. Einfach drauflosreden.

Erst ein bisschen später riechen wir den Zimt in Berlin, der auf die riesigen Schalen aus Milch und Kaffee gestreut wird, hinter denen sich Frühstücksinszenierungen abspielen, die länger dauern können als Wagner-Opern. Aufmerksam liest man die Tageszeitungen von mindestens vier europäischen Hauptstädten und denkt darüber nach, ob heute oder morgen der Tag sein wird, an dem man die Hochschule seiner Wahl einmal mehr mit seiner Anwesenheit beehren sollte. Doch vorher muss unbedingt das Projekt, dieses ungeheuer wichtige Projekt ausführlich besprochen werden, ein Projekt, mit dem man immerhin die Welt ändern wird.

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