Zeitung Heute : Rien ne va plus!

„Nichts geht mehr“, hieß es für Berlin, als Napoleon 1806 einzog. Denn die Besatzung trieb die Stadt in die Schuldenfalle. Es gab nur einen Gewinner: Das Brandenburger Tor stieg zum Symbol auf.

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Von Michael Bienert Die Besatzungsmacht hatte es eilig. Schließlich war sie unter den Farben der Französischen Revolution einmarschiert, nun sollte in Berlin die Demokratie eingeführt werden. Wenige Tage nach der kampflosen Einnahme der preußischen Hauptstadt, genau heute vor 200 Jahren, wurden 2000 wohlhabende Bürger zusammengetrommelt, um eine Stadtverwaltung zu wählen.

Als Versammlungsort diente ein Gotteshaus in der alten Stadtmitte, die wenig später abgebrannte Petrikirche am südlichen Ende der Brüderstraße / Ecke Scharrenstraße. Am Abend des 29. Oktober 1806 wurden die Bürger dort über das demokratische Prozedere unterrichtet, am folgenden Tag durften sie einen 60-köpfigen Stadtrat wählen. Dieser bestimmte dann aus seiner Mitte die sieben Mitglieder eines „Comité administratif“, das den alten Magistrat und seinen vom preußischen König ernannten Präsidenten ablösen sollte.

Gewählt wurden ein Buchhändler, ein Teppichfabrikant, ein Maurermeister, drei Kaufleute. Siebter im Bunde war der Bauunternehmer Karl Friedrich Zelter, der nebenher komponierte und die Singakademie leitete. „Dieses Comité der Sieben ward nun aufs Rathaus berufen, um seinen Präsidenten zu wählen“, berichtete Zelter seinem Brieffreund Goethe nach Weimar. „Auch diese Wahl fiel auf mich, welches ich jedoch sogleich ablehnte und den Buchhändler Delagarde dazu vorschlug.“ Zelter sprach nur unzulänglich Französisch, wie er einräumte, das hatte ihm Delagarde, der Buchhändler mit den vermutlich hugenottischen Wurzeln, voraus. Das Comité wurde flugs vereidigt, „der Eid“, so Zelter in seinem Schreiben an Goethe, „bestand in der Auflage: die französische Armee gehörig zu verpflegen und keinen Briefwechsel mit den Feinden der französischen Monarchie zu unterhalten.“

Was wie eine befohlene Revolution begann, erwies sich schnell als schlauer Schachzug der neuen Machthaber. Die französische Militärverwaltung dachte nicht im Traum daran, die besiegten Preußen mit politischer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu beglücken. Das „Comité administratif“ diente vor allem als Blitzableiter gegen den Unmut, den die harte Besatzungspolitik der folgenden beiden Jahre in der einheimischen Bevölkerung weckte – und die Berlin in die Schuldenfalle trieb. Faktische Macht besaß das gewählte Gremium kaum. Da keines der Mitglieder über Verwaltungserfahrung verfügte, übten die königlich-preußischen Beamten weiterhin ihre Funktionen aus. Aber in den Augen der Bevölkerung war das „Comité“ verantwortlich für alle Missstände in der Stadt.

Obwohl Berlin von Kampfhandlungen verschont blieb, trafen die napoleonischen Kriege die Stadt mit großer Härte. Sie glich einem Heerlager, in das ständig neue Truppen einrückten, um Quartier zu beziehen und alsbald wieder abzumarschieren. Berlin zählte damals rund 150 000 Einwohner, von denen die meisten nicht wussten, wovon sie in diesen Zeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten sollten. Zwischen 10 000 und 30 000 Mann fremder Truppen samt Pferden mussten sie täglich durchfüttern. 12,5 Millionen Übernachtungen französischer Militärangehöriger wurden statistisch erfasst. Wie ein Heuschreckenschwarm fraß Napoleons Armee das Vermögen der Bürger auf.

Was in den Häusern los war, kann man sich gut an der Brüderstraße 13 vergegenwärtigen, im jetzt vom Stadtmuseum genutzten Haus des Verlegers Friedrich Nicolai. Dort waren zeitweise 22 Soldaten und 12 Pferde einquartiert, schreibt der damals im Haus lebende Gustav Parthey in seinen Kindheitserinnerungen. „Wenn die Hoffenster zu unserer Parterrewohnung geöffnet wurden, so schaute nicht selten ein großer Pferdekopf herein; wir hörten mit staunender Neugier die französischen Sprüche und Ausrufungen der Soldaten beim Putzen und Satteln.“ Dazu kamen die Ansprüche der Besatzer: „War die Verpflegung nicht nach dem Wunsche unserer Gäste, so wurde sie zurückgeschickt; es ist in unserem Hause vorgekommen, dass ein Diner, welches dem französischen Generale nicht gut genug war, aus dem Fenster geworfen wurde.“

Übergriffe und Plünderungen kamen allerdings selten vor. Die französische Armeeführung hatte kein Interesse an Disziplinlosigkeiten einzelner Soldaten. In einem Tagesbefehl vom 8. November 1806 ordnete der Stadtkommandant General Hulin an, „dass jede Militär- und jede zur Armee gehörige Person, welche bei einem Bürger im Quartier liegt, verbunden ist, die gewöhnliche Mahlzeit, welche dieser nach seinem Vermögen und Stande halten kann, mit ihm zu theilen und unter keinem Vorwand mehr verlangen darf“.

Neben den Kosten für die Einquartierung drückten die Berliner enorme Kriegskontributionen, die dazu dienten, Napoleons Militärmaschinerie in Gang zu halten. Die finanziellen Forderungen zwangen das „Comité administratif“ dazu, von den Mitbürgern immer neue Abgaben einzutreiben. Schließlich blieb kein anderer Weg, als Schulden zu machen, Berlin musste außerhalb Preußens Bankkredite aufnehmen. Ende des Jahres 1808 beliefen sich die Verbindlichkeiten auf 4,5 Millionen Taler, eine Summe, die nach heutiger Kaufkraft etwa 200 Millionen Euro entsprechen dürfte. Verglichen mit dem aktuellen Schuldenberg war das eher wenig – selbst wenn man die geringere Einwohnerzahl von damals berücksichtigt. Dennoch belasteten die 4,5 Millionen Taler die Kommune über Jahrzehnte, erst 1861 waren die Schulden abbezahlt.

„Bei der finanziellen Bedrängnis des Staates wurden die Beamtengehälter lange Zeit nicht ausgezahlt, und befreundete Personen klagten, dass sie nicht aus und ein wüssten“, erinnert sich Parthey. „Wir sahen einen königlichen Bedienten in verschossener Hoflivree als Wasserträger in der Brüderstraße auf und ab gehen, um sein Brot zu verdienen.“ Kriegsinvaliden und die Familien gefallener preußischer Soldaten lagen bettelnd in den Gassen. Viele verarmte Bürger begingen in der Besatzungszeit Selbstmord oder gaben ihre Hausschlüssel auf dem Rathaus ab und wanderten aus.

Über ihren König Friedrich Wilhelm III. spotteten die Berliner Straßenjungen: „Unser Dämel sitzt in Memel.“ Die Königsfamilie war nach Ostpreußen geflohen, wo der verbündete Zar Alexander I. schützend die Hand über sie hielt. Jahrelang hatte der zaghafte preußische König sein Land aus den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich, Österreich und Russland um die Vorherrschaft in Mitteleuropa herausgehalten. Aber als Napoleon im Sommer 1806 durch die Gründung des Rheinbundes seinen Herrschaftsbereich nach Osten ausdehnte, musste sich Preußen bedroht fühlen. Friedrich Wilhelm III. mobilisierte Truppen und forderte Napoleon zum Rückzug auf. Der nahm die Herausforderung gern an und Preußen schlitterte schlecht vorbereitet in den Krieg.

Gleich die erste Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 endete mit einem Desaster. Eine schlecht ausgerüstete, im Feld unerfahrene und dilettantisch geführte preußisch-sächsische Armee traf auf die sieggewohnten Truppen des französischen Kaisers. Letztere waren beweglicher und besser organisiert als die preußischen Soldaten, die von greisen Generälen befehligt wurden. 110 000 Preußen standen 160 000 Franzosen gegenüber, doch nicht die zahlenmäßige Überlegenheit gab den Ausschlag, sondern die Mentalität. Schon nach wenigen Stunden Gemetzel waren die preußischen Truppen völlig demoralisiert und ergriffen die Flucht. 22 000 Soldaten des preußischen Königs und 13 000 Franzosen blieben tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld zurück.

Berlin war gegen die nachrückende Armee Napoleons nicht zu verteidigen. Die Stadtmauer diente lediglich als Zollgrenze, war militärisch wertlos. Die wenigen in der Stadt verbliebenen Soldaten fürchteten die Gefangenschaft und rückten bald nach Bekanntwerden des französischen Sieges aus. So kopflos wie die Generäle in der Schlacht agierte die Obrigkeit bei der Flucht aus der Stadt: Die Staatskasse im Schloss wurde zwar noch rechtzeitig weggeschafft, aber das mit Waffen gefüllte Zeughaus, heute Sitz des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden, überließ man dem Feind.

Von den staatlichen Autoritäten im Stich gelassen, bemühte sich der Magistrat der Stadt um eine Übergabe ohne Blutvergießen. Routiniert übernahmen französische Offiziere am 25. Oktober 1806 das Kommando über Berlin. Zwei Tage später ritt Napoleon im Triumphzug durchs Brandenburger Tor in die Stadt ein. Im Stadtschloss bezog er Prunkräume mit Blick auf den Lustgarten, wo seine Gardesoldaten in Zelten biwakierten. Abends flackerten ihre Lagerfeuer mitten in der Stadt.

Vom Schloss aus dirigierte der Kaiser bis zum 24. November 1806 sein Imperium, das bis Italien, in die Niederlande und die französischen Kolonien der Neuen Welt reichte. 29 Tage lang war Berlin das Machtzentrum Europas und der Weltpolitik. In dieser Zeit verhängte Napoleon die Kontinentalsperre gegen England. Die Blockade des Seehandels mit den Briten und ein Einfuhrverbot englischer Waren sollten die schärfsten Widersacher Napoleons in die Knie zwingen. Wie die meisten Handelssanktionen unserer Zeit verfehlten auch sie ihr Ziel.

Außer mit Regierungsgeschäften waren Napoleons Tage in Berlin mit Truppenbesichtigungen ausgefüllt. Er empfing Vertreter der Berliner Bürger und ordnete die Aufstellung einer Nationalgarde von 2000 Mann an. Diese Bürger in schicken Uniformen übernahmen polizeiliche Aufgaben wie die Besetzung der Stadtwachen, für die bisher das preußische Militär zuständig gewesen war. Zu den Berühmtheiten der Stadt, die Napoleon zum Kennenlernen ins Schloss einlud, zählten der Naturforscher Alexander von Humboldt und der Historiker Johannes von Müller. Wie die meisten Intellektuellen jener Jahre waren sie von Napoleon fasziniert. Abends wurden Musiker der Hofoper ins Schloss bestellt. Während sie musizierten, spielte Napoleon mit einem seiner Generale gerne eine Partie Schach. Auch Liebesdienerinnen sollen ihm zugeführt und aus Sicherheitsgründen gleich nackt ins Schlafgemach geleitet worden sein.

Als Gruß an seine ferne Kaiserin Joséphine gab Napoleon bei der Königlichen Porzellanmanufaktur ein sündhaft teures Service für 48 Personen mit Blumenmotiven in Auftrag. Bezahlt hat er es nie.

Neben den Fahnen der besiegten Regimenter ließ Napoleon zahlreiche Kunstgegenstände aus königlichen Schlössern nach Paris schicken. Aktenkundig ist der Raub von 650 Gemälden, 80 Büsten, 50 Statuen, 193 antiken Bronzen, außerdem von Landkarten und Handschriften. Für alle Berliner sichtbar war die Demontage der Quadriga auf dem Brandenburger Tor im Dezember 1806. Der Bildhauer Johann Gottfried Schadow protestierte vergeblich bei Napoleon. In zwölf Kisten verpackt, reiste die Quadriga auf dem Schiffsweg nach Hamburg und traf fünf Monate später in Paris ein.

Organisiert wurde der Kunstraub vom Pariser Museumsdirektor und Kunstexperten Dominique Vivant Denon. Er war auch für die Verherrlichung Napoleons auf Gedenkmedaillen zuständig. Noch im Jahr 1806 ließ er die erste Medaille mit einer Darstellung des Brandenburger Tores prägen, in Erinnerung an den Einzug Napoleons am 27. Oktober. Dem Kaiser verdankt das Brandenburger Tor seinen Aufstieg zum preußisch-deutschen Nationalsymbol.

Als Symbol der Schande wurde es während der Besatzungszeit von den Deutschen gesehen. Erst im Frühjahr 1814 kam die zurückeroberte Quadriga wieder nach Berlin. Seither feierten die Herrscher ihre militärischen Siege in Berlin stets mit einem Triumphzug durch dieses Tor. Napoleon hat dieses politische Ritual eingeführt; der letzte Triumphator war Hitler nach dem siegreichen Frankreichfeldzug im Juli 1940.

Auf Centmünzen geht das Brandenburger Tor heute täglich durch die Hände, die Ursprünge seiner politischen Symbolik sind eher wenig bekannt. Denn an die Befreiungskriege gegen Napoleon hat man sich im 19. Jahrhundert gerne erinnert, die Erinnerung an die schmachvollen Jahre der Besatzung lieber verdrängt. Preußen verlor die Hälfte seines Territoriums. Erst im Dezember 1808 räumten die Franzosen die ausgeplünderte Hauptstadt und Friedrich Wilhelm III. kehrte nach Berlin zurück. Als Feldherr hatte er versagt, aber als Politiker zog er aus der Niederlage die richtigen Konsequenzen. Nun durften Vordenker im Staatsapparat wie der Freiherr vom Stein und Karl August von Hardenberg die lange versäumten Reformen einleiten, ohne die Preußen nicht mehr konkurrenzfähig war.

Zunächst reorganisierten sie die Armee nach französischem Vorbild. Das Prügelsystem wurde abgeschafft, erstmals konnten auch Nichtadlige ins verjüngte Offizierskorps aufsteigen. Eine Agrarreform beseitigte die Leibeigenschaft der Bauern. Der Kompetenzwirrwarr in der Staatsverwaltung wurde entflochten, eine weitgehende Selbstverwaltung der Gemeinden und die Gewerbefreiheit eingeführt. Schon im November 1808 trat die neue Städteordnung in Kraft, im April 1809 fanden die ersten richtigen Wahlen zu einer Stadtverordnetenversammlung in Berlin statt. Mündige Bürger sollten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, statt immer nur auf Befehle höherer Instanzen zu warten. Das alles war eine echte Revolution von oben, wie sie ohne das Vorbild und den Erfolg der Franzosen nie durchsetzbar gewesen wäre.

Eine Napoleonstraße gibt es dennoch nicht in Berlin. „Napoléonbourg“ hieß eine weitläufige Barackenstadt, die im Sommer 1808 als französisches Truppenlager aus dem Boden gestampft wurde. Es lag westlich vom Schloss Charlottenburg in der Gegend des heutigen S-Bahnhofs Westend. Als nach dem Zweiten Weltkrieg französische Soldaten nochmals in Berlin einrückten, nannten sie ihren Hauptstützpunkt am Tegeler Flughafen „Quartier Napoléon“. So viel Ehre waren die Franzosen ihrem größten Feldherrn schuldig. Nach dem Abzug der Alliierten taufte die Bundeswehr das Gelände in Julius-Leber-Kaserne um. Völlig verschwunden ist der Name Napoleon aber nicht aus dem Stadtplan. Ein kleines gallisches Dorf trotzt gleich neben der Kaserne der Regermanisierung des ehemals französischen Stadtteils: die Kleingartenkolonie „Quartier Napoléon“.

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