Riesen : Unmöglich gibt es nicht

Sagen wir, wie es ist: Es geht nicht. Man kann die Wirkung der sogenannten Riesen, dieser seltsamen, überdimensionierten Marionetten, die Anfang Oktober zur Feier des Mauerfalljubiläums an drei Tagen durch Berlin wandern werden, nicht in Worte fassen.

Andreas Schäfer

Man kann nur behelfsweise ein paar Floskeln aus der Zirkuswelt heraus posaunen:

Magisch!

Zum Staunen!

Von poetischer Zärtlichkeit!

Sie werden ein Wunder erleben!

Die am wenigsten hilflose Floskel lautet noch: Muss man selbst erlebt haben!

Alle meine bisherigen Versuche, die Arbeit der französischen Theatergruppe Royal de Luxe zu beschreiben, erwiesen sich als fruchtlos. Die einen fielen, als sie die Worte "Puppe" und "Marionetten" hörten, vor Desinteresse augenblicklich in einen Tiefschlaf. Die anderen verstanden nur Bahnhof und sahen die Figuren vor lauter Strippen und Fragezeichen nicht.

Die Riesen kommen
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1 von 11Foto: Pascal Victor/ArtComArt
21.09.2009 20:27Riesig. Die Riesen kommen nach Berlin. Das braucht einige Vorbereitung. Hier wird einer der Figuren der letzte Schliff verliehen....


Zehn Meter große Holzmonster werden durch die Stadt gewuchtet? Wie sieht die Aufhängung aus? Wie viele Menschen müssen anpacken? Dritte bekamen es mit der Angst: Wirken die nicht bedrohlich? Und vierte fragten knapp, ob die Geschichte (Riese trifft nach tagelanger Wanderung Riesin) nicht etwas unterkomplex sei.

Auf all die berechtigten Fragen erzählt man am besten von einer kleinen Szene, die sich diesen Frühsommer in Nantes zugetragen hat, wo Royal de Luxe zuletzt ihr Spektakel aufgeführt haben. Zehntausend Menschen hatten am Tag zuvor die Straßen und Plätze bevölkert, als die Kleine Riesin in einem schaukelnden Boot durch die Gassen gepflügt war, hatten am Ufer der Loire unter Beifallstürmen verfolgt, wie der Große Riese von einem Kran aus den geheimnisvollen Tiefen des Flusses gezogen wurde. Jetzt war der nächste Morgen, und die Kleine Riesin lagerte im Hof des Justizpalastes schlafend auf einem Liegestuhl - und Hunderte schauten dem Mädchen beim Träumen zu. Mit jedem sanften Atemrasseln hob sich der Brustkorb, die Augenlider flatterten leicht, der Unterkiefer sank und hob sich wieder. Mehr war nicht zu sehen, aber die Menschen verfolgten diesen Vorgang gebannt und verwundert. Eine riesige Marionette, die atmete wie ein Mensch; die aus einer anderen Welt zu kommen schien und die Rührung auslöste wie ein kleines Kind. Man wollte dieser Puppe nah sein, schützend über sie wachen und merkte gleichzeitig, dass man, die eigenen Gliedmaßen waren auf Puppenwinzigkeit geschrumpft, von ihr beschützt wurde, dass man sich längst im Einflussbereich ihres unsichtbaren Traums befand. Irgend etwas in den Verhältnissen zwischen Ich und Wir und Groß und Klein und Heute und Gestern war durcheinandergekommen. Oder gerade gerückt. Ungeheuerlich. Und das normalste von der Welt.

Nur hundert Meter entfernt stand Jean Luc Courcoult, umringt von Journalisten. Courcoult ist Autor, Regisseur und Gründer von Royal der Luxe. Er trug rote Schuhe und eine gelbe Sonnenbrille, und er sah ziemlich mitgenommen aus. Möglicherweise von der Anstrengung, die es bedeutete, die Arbeit von insgesamt hundertzwanzig Mitarbeitern zu koordinieren, die am Steuer der Schaufelbagger die Tragekonstruktionen mit den Puppen steuerten oder an Seilen zogen und zerrten, um die zentnerschweren Glieder in Bewegung zu setzen. Möglicherweise erschöpften ihn aber auch die Journalisten, die reden wollten, wo sie lieber fühlen sollten, und Dinge fragten, die doch offensichtlich waren.

"Geht es bei ihrer Arbeit um so etwas wie die Wiedererweckung des Mythos in der Moderne?"

Oder auch: "Wen oder was sehen die Riesen eigentlich, wenn sie zu uns herabschauen?"

"Alors." Courcoult wedelte mit seiner Hand, zwischen deren Fingern selbstredend eine Zigarette klebte. "Sie lieben uns. Sie lieben uns natürlich."

Royal de Luxe ist keine gewöhnliche Theatergruppe. Und Jean Luc Courcoult ist kein gewöhnlicher Theaterregisseur. Er ist Erfinder, Abenteurer, Konstrukteur, ein Theaterwahnsinniger, für den es das Wort unmöglich nicht gibt. Seit er als Schüler beim Sprechen eines Monologes eine überwältigende Erfahrung machte ("man hörte mir zu!") wollte er Theater machen. Und gleichzeitig das Theater fliehen. Denn erstens war er klaustrophobisch und zweitens gingen da sowieso nur die immer gleichen hin. Als Courcoult 1979 zusammen mit Didier Gallot-Lavallée Royal de Luxe gründete, entschieden sie deshalb: "Kein Theater im Theater." Stattdessen spielten sie auf der Straße, auf Plätzen oder sogar in der Landschaft, an Orten, an denen der Kontakt zum Publikum direkter ist und die Welt des Wunderbaren viel wirkungsmächtiger in das eindringen kann, was wir uns angewöhnt haben, Normalität zu nennen. Bei Royal de Luxe verwandeln sich Stadtteile durch riesige Bilderrahmen in fiktive Räume, fliegen Klaviere durch die Luft, wird in einem monumentalen Buch durch die Geschichte Frankreichs geblättert.

Anfangs hat die Gruppe auf der Straße gelebt, zog dann in das Schloss eines Kanadiers bei Toulouse. Als der Besitzer sein Anwesen zurückhaben wollte, reiste Courcoult 1989 auf der Suche nach einem Schiff nach Nantes. Die Stadt wurde der Gruppe zur Heimat. Ihr Bürgermeister Jean-Marc Ayrault stellte ihnen begeistert eine ehemalige Reisfabrik zur Verfügung, die Royal de Luxe noch immer als Werkstatt dient. Hier entstand auch das Spektakel "Die wahre Geschichte Frankreichs", das Royal de Luxe 1990 den Durchbruch brachte und 16 Mal in Europa gezeigt wurde - unter anderem auf dem Schlossplatz in Berlin.

Courcoults "Theater des Übermaßes" kam freilich erst im Jahr 1993 zu sich selbst, als - inspiriert von "Gullivers Reisen" - in dem Stück "Der Riese, der vom Himmel fiel", die erste Riesenpuppe auftauchte - und mit ihnen das wuselige Heer der in roten Livrees steckenden Helfer, die, frei nach Swift, "Liliputaner" heißen. Die fantastische Geschichte löste in Le Havre solch eine Begeisterung aus, dass Royal de Luxe eine Fortsetzung ersannen. Seitdem reist die "Saga der Riesen" um die ganze Welt, Courcoult würde sagen, sie verschwinden und tauchen woanders wieder auf: in Santiago de Chile, in Kamerun, in Island oder in London. In Santiago de Chile jagte eine Kleine Riesin ein Rhinozeros, das über eine Millionen Zuschauer als Metapher für das Pinochet-Regime verstanden. Dass die zwei Riesen in Berlin zum Jubiläum des Mauerfalls ein Märchen über das Getrenntsein und das Wiederfinden erzählen, liegt also auf der Hand.

Brigitte Fürle, die Leiterin der "Spielzeit Europa" der Berliner Festspiele, kennt die Arbeit von Royal de Luxe seit fünfzehn Jahren; seit sie "die zärtlichen Riesenaugen" zum ersten Mal sah, wünscht sie, selbst eine solche Riesengeschichte wahr werden zu lassen. Um Joachim Sartorius, den Leiter der Berliner Festspiele zu überzeugen, genügten fünf Minuten. "Ich habe ihm einfach eine DVD mit dem Royal de Luxe-Spektakel in Lodon gezeigt."

Der Rest, also die Vorbereitung, dauerte drei Jahre. Wochenlang ist sie mit Courcoult und seinen Leuten durch Berlin Mitte gelaufen, auf der Suche nach der Geschichte und dem richtigen Parcours. Vom Brandenburger Tor war Courcoult so begeistert, dass er lebende Pferde darauf postieren wollte, was wegen des schrägen Dachs nicht zu realisieren war. Dann sollte die Geschichte mit einer toten Ostriesin beginnen, die als Wasserleiche in der Spree trieb, was nicht nur traurig, sondern auch zu teuer geworden wäre. Nun erwacht die Kleine Riesin vor dem Roten Rathaus und schenkt ihren ersten Blick Klaus Wowereit - quasi als Dank dafür, dass der Berliner Senat zusammen mit dem Bund dieses Spektakel überhaupt möglich gemacht hat. Auch Theatermagier müssen Realisten sein. 

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