Zeitung Heute : Ringbahnsaufen

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Kurpfälzerstammtisch muss sich von M. verabschieden, der tapfer zwei Jahre Arbeitslosigkeit in der großen Stadt überstanden hat und nun einen Traumjob als Dramaturg in der Provinz gefunden hat. Der Stammtisch trauert, aber freut sich natürlich für M. Ein Kurpfälzer meint, Bochum sei ein besonderer Glücksfall, jeder wisse doch, dass theatermäßig ein Job in Bochum mehr als doppelt so viel wert sei wie einer an der Schaubühne, der Volksbühne oder bei Peymann. Vom Deutschen Theater ganz zu schweigen. Das wahre Theater sei schon seit vielen Jahren das Bochumer Theater und nicht das Hauptstadttheater, das Hauptstadttheater finde in Berlin nicht in der Schau- oder Volksbühne, bei Peymann usw. statt, sondern im Reichstag und überhaupt überall, in den Mittekneipen und auch in den Steglitzer Eckkneipen, bei Sabine Christiansen und bei der Supatopcheckerbunnyshow, überall, nur nicht im Theater.

Für den Berliner sei das gut, denn er träume sich im Theater sofort wieder aus dem Theater heraus, in die Straßen und Kneipen dieser großartigen Stadt, träume sich in das wahre, das Hauptstadttheater hinein. Anders der Bochumer: Dieser träumt sich aus seiner grässlichen Stadt immer ins Theater hinein, lebt nur wirklich auf im wahren, eben im Bochumer Theater. Deshalb, so der Kurpfälzer, müsse man M. ganz besonders gratulieren.

Der Neuberliner fragt nach M.s Methode, die Arbeitslosigkeit durchzustehen. Neben ausgiebiger Klassiker-Lektüre nannte M. das Ringbahnsaufen. Beim Ringbahnsaufen kaufe man sich ein Gruppenticket der BVG und halte bei jeder Ringbahnstation, gehe in die nächstliegende Kneipe und bekomme für jedes Getränk Punkte. Man fahre nach und nach alle Ringbahnstationen ab, und wer die meisten Punkte habe, habe gewonnen. Beim Ringbahnsaufen werde einem als Arbeitslosem klar, in was für einem großartigen Land wir leben, in dem 38 Millionen, die Arbeit haben, 5,2 Millionen, die keine haben, finanzieren. Wenn man bescheiden sei, könne man sich als Arbeitsloser neben der Klassikerlektüre einmal im Monat Ringbahnsaufen leisten.

Ein Kleingruppenticket der BVG kostet 14 Euro und gilt für 5 Personen. Bis 3 Uhr morgens müssen Sie allerdings durch sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben