Zeitung Heute : Risiken für die Weltwirtschaft

HEIK AFHELDT

Seit Jahren wird das amerikanische Wirtschaftswunder gefeiert.Die Wohlstandsmaschine läuft und läuft.Zwölf Millionen neue Arbeitsplätze sind entstanden, seit Bill Clinton 1993 als Präsident angetreten ist.Und das alles bei einer minimalen Inflation.Amerika ist zur Zeit die einzige kraftvolle Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft.Die weitere Entwicklung dort ist deshalb für uns von großer Bedeutung.

Seit Jahren wird auch das baldige Ende des Aufschwungs prophezeit, als "weiche Landung" oder als großer Crash.Die amerikanische Wirtschaft hat sich bisher von diesen schwarzen Szenarien nicht beeinflussen lassen.Im Gegenteil: Das letzte Quartal 1998 war mit einer Wachstumsrate von 6,1 Prozent besonders stark.Nun hat der berühmte Dow Jones-Index in der vergangenen Woche dreimal den Sprung über die magische Schwelle von 10 000 Punkten geprobt.

Was heißt das? Zunächst nur, daß wer Anfang 1993 100 000 Dollar in die 30 "Dow-Jones-Aktien" investiert hat, heute 305 000 Dollar dafür bekommt.Aber steht der boomende Aktienmarkt wirklich für die Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft? Steigende Börsenkurse bedeuten ja nicht, daß mehr Güter produziert worden sind.Alan Greenspan hat wiederholt vor überhöhten, aufgeblähten Aktienkursen gewarnt.Seine Sorge: Eine weitere, scharfe Korrektur könne den gesamten sensiblen Finanzsektor und mit ihm die Realwirtschaft in die Tiefe reißen."Bubbles", Blasen, platzen nicht nur in Japan.Scheinbar stabile Volkswirtschaften wie Korea, Indonesien oder Malaysia haben wir in null Komma nichts zusammenbrechen sehen.Und wie schnell kippt mit der Börse auch die Konsumlust der Anleger.Sechzig Prozent der Amerikaner sind Aktionäre.Kann der US-Lokomotive nicht auch plötzlich "die Luft" ausgehen? Warnzeichen gibt es.

Die Sparquote der Amerikaner ist mittlerweile fast Null, weil sie ihr Geld lieber an der Börse "auf Gewinn setzen" und auf Pump konsumieren.So muß Kapital, das eine so kräftig wachsende Wirtschaft für die reichlichen Investitionen braucht, zu großen Teilen aus dem Ausland kommen.Deshalb bleibt die US-Wirtschaft von dieser Seite gefährdet, wenn Anlagen in Dollar eines Tages nicht mehr attraktiv wären.

Der aufkeimende Protektionismus ist ein anderes Warnsignal: Ob Stahl oder Bananen, wer wie die Vereinigten Staaten seine Märkte gegen ausländische Wettbewerber abzuschotten beginnt, der gibt nicht nur ein fatales Zeichen, sondern der tritt leicht eine Lawine los.Sie trifft erst die Wirtschaften in Asien, Lateinamerika und Europa und dann die USA selber.Das sind die Drehbücher der Weltwirtschaftskrisen.

Ist die amerikanische Konjunktur also doch nur eine große Blase, die bald platzen kann und sind wir in Europa und in Deutschland gut beraten, lieber etwas weniger, dafür aber "solider" zu wachsen? Trotz allem, zweimal nein.Risiken, daß ein Aufschwung plötzlich unterwegs verloren geht, gab und gibt es immer.Eine kräftige Kurskorrektur an den Börsen brächte die US-Wirtschaft nicht um.Für den aktuellen Beobachter tun sich meistens mehr Gefahren auf als dann wirklich eintreten.Haben wir vergessen, wie erfolgreich die Amerikaner ihre Haushaltsdefizite, jahrelang Gegenstand hämischer Berichte und düsterer Voraussagen, in Rekordzeit auf Null gebracht und jetzt sogar in Überschüsse verwandelt haben? Der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin, meint zwar "wenn das US-Modell die Brücke zum 21.Jahrhundert ist, sollten wir sie nicht betreten".Aber die Wirtschaftspolitiker in Europa wären gut beraten, mehr von den amerikanischen Rezepten für Wachstum zu nutzen.Es täte uns gut.

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