Zeitung Heute : Risiken nach künstlicher Befruchtung

Der Tagesspiegel

Gleich zwei wissenschaftliche Studien, deren Ergebnisse heute im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ (Band 346, Seiten 725 und 731) erscheinen, könnten Paare und Ärzte beunruhigen, die sich aus persönlichen oder beruflichen Gründen mit der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas beschäftigen. Denn sie zeigen, dass die seit 1978 praktizierte In-vitro-Fertilisation (IVF) und die kompliziertere Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), bei der Samenzellen direkt in die Eizelle gespritzt werden, das Risiko des Kindes erhöhen, mit angeborenen gesundheitlichen Schäden oder zu leicht auf die Welt zu kommen.

Dass Kinder, die mit einer der beiden modernen Methoden der Reproduktionsmedizin im Labor gezeugt wurden, häufig bei der Geburt zu wenig Gewicht auf die Waage bringen, ist schon länger bekannt. Dies wurde jedoch bisher vor allem mit der erhöhten Rate an Mehrlingsschwangerschaften nach ICSI oder IVF in Verbindung gebracht. Um die Erfolgschancen zu erhöhen, werden dabei oft zwei, in anderen Ländern aber auch mehr befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt.

Eine Arbeitsgruppe um die Forscherin Laura Schieve von den Centers of Disease Control im amerikanischen Atlanta hat sich nun die Daten von mehr als 42 000 Kindern vorgenommen, die zwischen 1996 und 1997 nach IVF und ICSI geboren wurden und sie mit denen von über drei Millionen Kindern verglichen, die 1997 in den USA nach natürlicher Zeugung geboren wurden.

Erwartungsgemäß war die Rate der Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung im Reagenzglas höher. Wie alle Mehrlinge hatten diese Kinder bei der Geburt ein niedrigeres Durchschnittsgewicht, es war allerdings gegenüber den natürlich gezeugten nicht nochmals erniedrigt. Dafür war in der Gruppe der „Einlinge" das Risiko der IVF- und ICSI-Kinder, nach einer Schwangerschaft von normaler Dauer mit einem Gewicht von weniger als 2500 Gramm auf die Welt zu kommen, um mehr als das Zweieinhalbfache erhöht. Zwar werden heute „Frühchen“, die noch leichter sind, dank der Bemühungen der Perinatalmediziner am Leben erhalten. Doch das niedrige Geburtsgewicht ist ein wichtiger Risikofaktor für spätere Erkrankungen und Entwicklungsstörungen.

Auch die Gefahr, mit einer angeborenen Krankheit, einem Gen-Defekt oder einer Entwicklungsstörung geboren zu werden, steigt einer anderen Studie zufolge: Eine Auswertung westaustralischer Daten aus den Jahren 1993 bis 1997, die Michèle Hansen vom Institute for Child Health Research vornahm, ergab: Babies, die mit einer der beiden Methoden gezeugt wurden, hatten mit einem Jahr doppelt so häufig Fehlbildungen.

Neben dem erhöhten Risiko, das sich im Vergleich zu den normal gezeugten Kindern zeigt, muss allerdings auch das absolute Risiko der IVF- und ICSI-Kinder betrachtet werden, zu leicht oder mit einer Gesundheitsstörung geboren zu werden. Und hier zeigt sich: 94 Prozent der reproduktionsmedzinisch gezeugten „Einlinge" kamen mit normalem Gewicht, 91 Prozent ohne Fehlbildung zur Welt. Trotzdem ist der Unterschied zu den anderen Kindern bedeutend genug, um mit Besorgnis nach den Gründen für das erhöhte Risiko zu fragen, zumal es auch gleich hoch blieb, wenn das höhere Alter der ICSI- und IVF-Eltern und die bessere Überwachung ihrer Babies „herausgerechnet“ wurden.

Wie der Gesundheitsforscher Allen Mitchell in der gleichen Ausgabe der Fachzeitschrift kommentiert, ist nämlich keineswegs klar, ob die Erhöhung der Risiken mit der Unfruchtbarkeit der Paare oder mit den Methoden und Medikamenten zu tun hat, die die Fortpflanzungsmediziner anwenden.

Eine gering erhöhtes Risikos wäre laut Mitchell vertretbar, wenn die Paare sonst kein Kind bekommen könnten. Der Wissenschaftler vermutet jedoch, dass der wachsende „Markt“ immer mehr Paare den Labor-Methoden zuführt, die mit mehr Geduld auch auf natürlichem Weg ein Kind zeugen könnten. Adelheid Müller-Lissner

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar