Zeitung Heute : Risiken und Nebenwirkungen

Adelheid Müller-Lissner

Eine Studie zeigt: Weit verbreitete Schmerzmittel können möglicherweise das Risiko eines Herzinfarkts erhöhen. Was könnte das für Rheuma- und andere Schmerzpatienten bedeuten?

Nicht nur wer regelmäßig wegen starker Schmerzen am Bewegungsapparat Medikamente einnimmt, erinnert sich noch: Im vergangenen September wurde das Mittel Rofecoxib (Handelsname: Vioxx) vom Markt genommen. Es hatte sich gezeigt, dass Patienten, die es länger eingenommen hatten, im Vergleich zu Konsumenten eines Scheinmedikaments ein doppelt so hohes Risiko hatten, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden.

Das Mittel gehörte zu der Familie der Cox-2-Hemmer, die den Markt ausgesprochen schnell erobert hatten, obwohl es schon zuvor Hinweise auf Risiken gab und Erfahrungen fehlten. Schlag auf Schlag folgten weitere bedenkliche Mitteilungen über die Vioxx-Konkurrenten Valdecoxib und Celecoxib.

Nun könnten jedoch auch bewährte, seit Jahrzehnten eingesetzte Mittel gegen Entzündungsschmerz ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Zwei Studien, die am Wochenende im „British Medical Journal“ erschienen, liefern Hinweise, dass auch weit verbreitete Entzündungshemmer wie Ibuprofen und Diclofenac das Infarktrisiko erhöhen. In einer Beobachtungsstudie, in die Daten von fast 100000 Patienten aus 367 britischen Hausarztpraxen einbezogen wurden, untersuchten Julia Hippisley-Cox und Carol Coupland von der Uni Nottingham den Einfluss der Schmerzmitteleinnahme auf das Risiko, einen ersten Herzinfarkt zu erleiden. 9218 Patienten erlitten im Untersuchungszeitraum einen Infarkt.

Die Forscher fanden nicht nur für das inzwischen vom Markt gezogene Rofecoxib, sondern auch für Diclofenac und Ibuprofen ein erhöhtes Risiko. Selbst das Mittel Naproxen, das in einer früheren Vergleichsstudie besser abgeschnitten hatte, ist betroffen. Eine kanadische Studie an über 2000 älteren Patienten kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die älteren Schmerzmittel und Rofecoxib das Risiko, eine Herzschwäche zu entwickeln, deutlich erhöhen. „Das sind anstrengende Zeiten für Patienten mit chronischen Schmerzen an Muskeln und Skelett“, folgern die Kommentatoren der Studien.

Sie weisen jedoch zugleich darauf hin, dass bei den neuen Ergebnissen zu bedenken sei: Bei einer nachträglichen Beobachtung könne nie ausgeschlossen werden, dass unerkannte Störfaktoren das Bild verfälscht haben. So könnten Ärzte bei bekannten Herz- und Gefäßproblemen eher „alte“, bisher als herzverträglicher geltende Präparate verordnet haben. Außerdem zeige ein Blick auf die absoluten Zahlen, dass die Mittel das Infarktrisiko nur bedingt beeinflussen: So gab es einen zusätzlichen Infarkt unter 1005 Patienten über 65 Jahren bei einer Behandlung mit Ibuprofen, unter 695 Patienten bei einer Einnahme von Rofecoxib und unter 521 Einnehmern von Diclofenac. In Prozentzahlen nimmt sich das weit dramatischer aus: Dann ist bei Diclofenac von einer Risikoerhöhung um 55 Prozent die Rede.

Da all diese Patienten von starken Schmerzen geplagt sind, der sie zum Teil fast bewegungsunfähig macht, dürfte der Nutzen der Schmerzmitteleinnahme den Schaden überwiegen. Hippisley-Cox und Coupland raten denn auch keinesfalls, die Schmerzmittel abzusetzen.

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