Zeitung Heute : Risiken und Nebenwirkungen

Schering verliert mehr als nur Arbeitsplätze – sagen die Demonstranten

Maren Peters

Die Trillerpfeifen sind schon von weitem zu hören, rote Fahnen der Chemiegewerkschaft IG BCE flattern missmutig im kalten Wind. Um kurz vor zwölf haben sich bereits so viele Schering-Mitarbeiter vor dem Eingang des mächtigen Stammhauses im Wedding versammelt, dass die Polizisten die vielbefahrene Müllerstraße abriegeln müssen. Es dauert nicht lange, dann ist auch sie voller Menschen. Sie sind gekommen, um gegen den drohenden Abbau von Arbeitsplätzen zu protestieren – bis zu 1000 könnten es sein, sagt der Betriebsrat. Vielleicht sogar 1800, flüstern sich die Angestellten an diesem Morgen zu.

„So etwas hat es hier noch nie gegeben“, sagt Susan Winter, eine energische, blonde Frau, die seit 16 Jahren für Schering in der Abfüllung arbeitet und für die Demo extra früher zur Spätschicht gekommen ist. Sie meint damit eigentlich diese Kundgebung. Aber der Satz könnte genauso gut zu dem Drama passen, das sich bei dem Berliner Traditionskonzern seit Wochen ankündigt. Nach 155 Jahren hatte Schering seine Unabhängigkeit im vergangenen Sommer an den Leverkusenern Bayer-Konzern verloren. Und schon wenige Monate später meinen die Scheringianer, wie sich die Mitarbeiter des Berliner Antibaby-Pillen-Produzenten noch immer voller Stolz nennen, ihr Unternehmen nicht wiederzuerkennen. „Das war immer wie eine große Familie für uns“, sagt Detlef Schmidt, der mit kurzer Unterbrechung seit 1972 Jahren im Unternehmen arbeitet. „Früher konnte man am Samstag noch mit dem Auto auf den Hof fahren, um daran herumzuschleifen.“ Doch die Zeit der Gemütlichkeit ist längst vorbei. Erst kamen die Zugangskontrollen, dann kamen neue Kollegen, die Wörter wie „Effizienz“ und „Benchmarking“ mitbrachten, und dann kam Bayer. „Jetzt sind wir doch nur noch Befehlsempfänger“, sagt der 51-jährige Datenverarbeiter traurig. „Das ist ein ganz neuer Ton.“

Angefangen hatte alles im vergangenen März. Am 12. des Monats waren erste Gerüchte aufgetaucht, dass der Darmstädter Pharmakonzern Merck Schering übernehmen könnte. Erst schien es eine dieser üblichen Spekulationen zu sein, die immer wieder mal die Börse bewegt hatten. Doch diesmal war es ernst: Einen Tag später kündigte Merck ein offizielles Übernahmeangebot an. Das Schering-Management um Vorstandschef Hubertus Erlen lehnte Verhandlungen strikt ab – und rief den Leverkusener Aspirin-Erfinder Bayer zu Hilfe.

Es war der Beginn einer monatelangen Übernahmeschlacht um Schering, die Zuschauern alle Elemente eines guten Krimis bot: Es gab ein Opfer (Schering), einen Bösen (Merck) und einen Guten (Bayer), der als „weißer Ritter“ nach Berlin eilte, um dem Opfer das Schlimmste zu ersparen. Bayer sicherte sich Scherings Gunst unter anderem mit dem Versprechen, den Forschungsstandort Berlin zu erhalten. Merck zog sein Angebot wenige Tage später zurück. Im Juni wurde es zwar noch einmal spannend, weil Merck heimlich Aktien gekauft hatte, aber am Ende gelang Bayer doch noch das Happy End: Der Konzern legte beim Kaufpreis noch einmal nach und sicherte sich damit die für die Übernahme nötige Mehrheit. Dafür zahlte Bayer unglaubliche 17 Milliarden Euro – mehr als das Dreifache des Schering-Umsatzes. Spätestens jetzt hätten die Berliner Schering-Mitarbeiter anfangen müssen, sich Sorgen zu machen.

Doch die meisten haben die Ankündigung Bayers, dass nach der teuren Fusion insgesamt 6000 Arbeitsplätze abgebaut werden, damit sich die Übernahme auch lohnt, wohl einfach verdrängt. Schering hatte sie immer gut versorgt, hatte sichere Arbeitsplätze garantiert, prima bezahlt, Jahresleistungen ausgeschüttet, für das Alter vorgesorgt und sogar die Kinder betreut. Und das sollte einfach vorbei sein?

„Bis vor einer Woche hab’ ich mir noch nie so richtig Gedanken gemacht“, sagt Schneider. Erst als die Mutter ihn am Sonntagabend anrief, weil sie im Fernsehen vom drohenden Stellenabbau gehört hatte, dämmerte dem 32-Jährigen zum ersten Mal, dass sein sicher geglaubter Job ihn vielleicht doch nicht bis zur Rente ernähren würde. Am Montagmorgen begleitete ihn das schlimme Gerücht auf den Bildschirmen der U-Bahn zur Arbeit, anschließend war es auch unter den Kollegen Gesprächsthema Nummer eins. „Das hat uns alle richtig runtergezogen“, sagt er. „Mittlerweile traue ich Bayer alles zu.“ Dass Bayer „fair und sozialverträglich“ vorgehen will, beruhigt ihn nicht.

Der Chemielaborant, der seinen richtigen Namen aus Angst um den Job lieber nicht preisgibt, steht in einer Bäckerei gegenüber dem Schering-Hauptgebäude und umklammert mit der rechten Hand die Untertasse seines Kaffeebechers. Er trägt eine Jeans mit Designer-Löchern und einen Trenchcoat. Seine Stimme ist fest, sein Blick direkt. Nur die roten Flecken an Wangen und Hals deuten darauf hin, wie aufgewühlt er ist. „Natürlich mache ich mir große Sorgen um meine Zukunft“, sagt Schneider, der seit neun Jahren bei Schering arbeitet, wie zuvor seine Oma, sein Stiefvater und ein Onkel. Im Dezember ist er Vater geworden, im April will er mit der Familie ins neue Haus in Großziehten einziehen. „Das Schlimmste“, sagt er, „ist diese Ungewissheit.“ Bayer habe das Gerücht um den Stellenabbau ja nicht mal dementiert.

Wenn es stimmt, dann wäre ein Fünftel der Arbeitsplätze verloren, zusätzlich zu den bereits bekannten 300 Stellen im Vertrieb. Auch 600 Mitarbeiter in der Pharma-Entwicklung könnte es treffen, munkelt man. Das ist da, wo Mirko Schneider arbeitet. Auch er steht am Mittag vor dem Schering-Gebäude.

Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit um kurz vor halb eins vor das Mikrofon tritt, blasen die Demonstranten anfeuernd in ihre Trillerpfeifen. „Es kann nicht sein, dass durch die Übernahme Mitarbeitern die Zukunft genommen wird“, sagt Wowereit. Kämpferisch tritt er auf und trifft damit genau den richtigen Ton; viele Demonstranten tragen T-Shirts, auf denen „Ich wehre mich“ steht. Wowereit sagt: Wenn es einen Arbeitsplatzabbau gebe, dann müsse dieser sozialverträglich gestaltet werden und ohne betriebsbedingte Kündigungen vonstatten gehen. Wenn dies ein so großes Unternehmen, das solch hohe Gewinne mache, nicht begreife, müsse es gesellschaftlich geächtet werden. Was er damit meint, lässt der Regierende wohlweislich offen.

Rund 1500 Mitarbeiter sind zum Protest angetreten, schätzt der Betriebsrat, und sie klammern sich an jeden Strohhalm, lassen sich auch durch Worte trösten. Auf den Zuspruch ihres neuen, schottischen Vorstandschefs Arthur Higgins, den die Mitarbeiter nur einmal kurz zu Gesicht bekommen haben, müssen sie aber auch heute verzichten. Auf einer Info-Veranstaltung der Bayer Schering Pharma – so heißt Schering seit Dezember – am gleichen Tag waren nur Arbeitsdirektor Werner Baumann und sein Vorstandskollege Ulrich Köstlin gekommen. Am Vortag hatten die neuen Herren bei einer spontanen Protestkundgebung im Haus den Pressesprecher geschickt. Auch der war nicht lange geblieben.

Den Mitarbeitern bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Bis zum nächsten Donnerstag wollen die Vorstände beschließen, wie viele Mitarbeiter gehen müssen, einen Tag später soll die Zahl auf einer Betriebsversammlung im Admiralspalast offiziell verkündet werden. Wenige Stunden später werden bereits die einzelnen Abteilungen informiert. Dann wird auch für Mirko Schneider die Ungewissheit endlich vorbei sein.

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