Zeitung Heute : Risiko im Blut

In Deutschland werden doppelt so viele Mittel für Bluthochdruck verschrieben wie noch vor zehn Jahren. Wie ist das zu erklären?

Adelheid Müller-Lissner

Ein Leiden im engeren Sinn ist es eigentlich nicht – hoher Blutdruck verursacht keine direkten Schmerzen. Doch wenn der Druck auf Dauer zu hoch ist, drohen lebensgefährliche Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. 55 Prozent der Erwachsenen haben heute zu hohe Werte. Und die Zahl der verschriebenen Blutdruckpräparate nimmt rapide zu.

Ein wesentlicher Grund ist die steigende Zahl der Alten. Mit dem Alter steigt oft auch der Blutdruck. Hinzu kommt eine bewegungsarme Lebensweise, bei der nach Ansicht von Experten zu viel Salz und Alkohol auf dem Speise- und Getränkeplan steht. Außerdem wird die Messlatte für die Behandlung inzwischen strenger angelegt. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der Ausbruch eines echten Bluthochdrucks zumindest verzögern kann, wenn schon bei Werten knapp unter 140 zu 90 mm Hg (dem üblichen Maß in Millimeter auf der Quecksilbersäule) mit Medikamenten behandelt wird. Diese Werte stuft die Deutsche Hochdruckliga als „hoch normal“ ein, bei Werten unter 160 zu 100 spricht sie von „leichter Hypertonie“. Noch vor einigen Jahrzehnten galt es als unbedenklich, wenn der Blutdruck sich mit zunehmendem Alter in diese Richtung veränderte. Inzwischen wird auch die leichte Hypertonie als Risikofaktor für die Gefäße ernst genommen.

Wie in vielen Dingen ist man in den USA auch hier noch einen Schritt weiter gegangen als in Deutschland: Die amerikanische Fachgesellschaft hat dort im vergangenen Jahr empfohlen, bereits Werte zwischen den optimalen 120 zu 80 und 139 zu 89 als echten „Bluthochdruck der Stufe eins“ zu klassifizieren. In der Presse wurde daraufhin heftig diskutiert, inwieweit Firmen, die die Hochdruckmittel verkaufen, auf die Fachgesellschaft und deren Leitlinien Einfluss nehmen. Es wurde die Frage gestellt, ob es bereits eine Hypertonie-Hysterie gebe.

Immerhin hat sich auch die Palette der Mittel in den vergangenen Jahren vergrößert. Der Hochdruckexperte Hermann Haller von der Medizinischen Hochschule in Hannover, Vorsitzender der Deutschen Hochdruckliga, sieht diese Ausweitung ausgesprochen kritisch: „Wenn wir mit der Diagnose Bluthochdruck nicht vorsichtig umgehen, laufen wir Gefahr, dass die Patienten unsere ärztlichen Empfehlungen nicht mehr ernst nehmen.“ Zur Vorsicht gehört zunächst, dass mehrfach gemessen wird – auch zu Hause. Außerdem ist es entscheidend, ob der Betroffene noch andere Risiken trägt: Bei Diabetikern und bei Menschen, die schon einen Infarkt überstanden haben, sollte der Blutdruck strenger „eingestellt“ werden als bei Menschen, die davon nicht betroffen sind.

Letztlich ist es nicht entscheidend, ob sich der Hausarzt beim nächsten Besuch über niedrige Werte freuen kann, sondern ob die Behandlung das Leben verbessert und verlängert. Während in einigen Fällen die Diagnose Bluthochdruck wohl zu leichtfertig gestellt wird, sieht Haller insgesamt noch Handlungsbedarf: „Wir diagnostizieren den Hochdruck immer noch zu selten, und wir behandeln ihn immer noch zu schlecht.“ Unter diesen Umständen kann er durchaus der viel zitierte „stille Killer“ werden.

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