Zeitung Heute : Risiko-Management: Der Sündenfall hat einen Namen

Ralf Schönball

Am Anfang dieser Geschichte steht ein Leserbrief. Zögerlich bittet eine Dame um Rat. Ob wir es denn für geboten hielten, dass sie einen Brief an den Chef der Bankgesellschaft Berlin schickt, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Ihre Lage ist ähnlich wie die vieler Immobilien-Eigentümer in Berlin. Sie haben Schwierigkeiten, weil der Markt problematisch ist. Und - so die Dame weiter - da sie von unseren Berichten wisse, dass die Bankgesellschaft Berlin bei Schuldnern wie der Firma Aubis oder Gädeke & Landsberg Zinsen erlasse und Verträge umschulde, frage sie sich, ob dies nicht auch in ihrem Fall denkbar sei. Bei ihr geht es um sehr viel weniger Geld. Und sie verlangt weniger Entgegenkommen von seiten der Bank. Doch bei ganz normalen Kreditnehmern gibt es keine Kompromisse - keine Sanierungs-Verträge, keine Zins-Erlässe, nicht einmal eine Sanierungs-Gespräch.

Wie alles anfing. Vor 30 Jahren zieht das junge Paar Müller (Name von der Redaktion geändert) nach Berlin - und öffnet ein Konto bei der Berliner Bank. Frau Müller arbeitet selbständig; ihr Mann hat zunächst einen gut dotierten Management-Posten. Später macht auch er sich selbständig. Das Paar erwirbt ein Einfamilienhaus in Zehlendorf. Und bekommt zwei Kinder. Ein Hund gehört auch zum Haushalt. So ist das Häuschen bald zu klein. Da es an Barem nicht mangelt, beschließt das Paar den Ausbau von Dachboden und Untergeschoss. Die Bank ist kulant. Der Kunde ist zahlungskräftig.

Den Umbau planen die Müllers sorgfältig. Und alles soll ein bisschen besser, schöner und wohnlicher sein als anderswo. Weil die Tochter Alergikerin ist, legt das Paar Wert auf biologische Baustoffe. Doch die Pläne lassen sich nicht ganz so umsetzen, wie man hoffte. Die Villa ist ein Altbau, und so folgt beim Umbau eine Überraschung der nächsten. Die Müllers haben keine festen Verträge mit den Handwerkern geschlossen. Der Hausherr legt selbst Hand an und hofft, dadurch Kosten zu sparen. Doch er unterschätzt den Aufwand und überschätzt seine Kräfte. Der eigene Einsatz verlängert vor allem die Bauzeit. Und unterdessen wachsen die Schulden für die Baukosten.

Das ist ein Problem. Denn die Müllers wollen einen Teil der zusätzlichen Wohnfläche als Einlieger-Wohnung vermieten. Die Einnahmen sollen einen Teil der fälligen Kreditzinsen decken. Da die Wohnung nicht fertig wird, müssen die zwei Selbständigen mehr Aufträge annehmen. Sie arbeiten länger und an Wochenenden natürlich auch. Dennoch reicht es nicht aus - nicht ganz. Die Müllers gehen an die Reseven. Sie knautschen den Dispo-Kredit bei der Berliner Bank aus. Von derselben Tochter der Bankgesellschaft haben sie auch das Baugeld für die Erweiterung ihrer Villa geliehen.

Zum Glück ist der Umbau unterdessen so gut wie abgeschlossen. Die Vermietung beginnt. Erste Interessenten haben sich gemeldet. Das verspricht Einnahmen. Erleichterung! Verbessert hat sich ihre Lage auch durch die Vermietung des Untergeschosses. Dort haben die Müllers eine pflegebedürftige Angehörige aufgenommen. Sie verbinden das Gute mit dem Nützlichen - auch das bringt zusätzlich Bares. Nun, da sich die Sache zum Guten wendet, suchen sie das Gespräch mit der Bank. Sie wollen die auf dem Dispo-Kredit aufgelaufenen Schulden umschulden. Dann müssen sie nicht so viele Zinsen zahlen. Doch kaum haben sie dieses Anliegen bei der Bank vorgetragen, da zieht das Geldhaus andere Saiten auf.

Die Bank stellt die Kredite fällig. Sie fürchtet offenbar, dass die seit 30 Jahren stets zuverlässigen Kunden nun plötzlich unter ihrer Schuldenlast zusammenbrechen. Tatsächlich sind die Müllers mit zweieinhalb Raten im Rückstand. Der säumige Betrag beträgt 40 000 Mark. Das Paar verdient netto 12 000 Mark im Monat. Ein überschaubarer Rückstand. Im Verhältnis zur Kredit-Summe ohnedies: Die Bank gewährte den Müllers rund 850 000 Mark an Darlehen. Doch das Geldhaus sieht das anders. Es drängt das Ehepaar, die Immobilie zu verkaufen. Doch der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein als heute: in der Immobilien-Krise. Außerdem müssten die fünf Personen dann in eine Mietwohnung ziehen. Die Kosten wären kaum geringer.

Nach der Hiobsbotschaft haben die Schuldner einen neuen Ansprechpartner in der Bank. Die Müller sind nicht länger Privatkunden. Für die Bank sind sie ein Sündenfall: ein Fall fürs Risiko-Management. Dort weht ein anderer Wind. Die Kredite sind auf einem Risiko-Konto gebucht mit einem Zinssatz von derzeit rund neun Prozent. Jeder normale Kreditkunde bekommt Baugeld mit zehnjähriger Laufzeit für gut sechs Prozent. Außerdem verdient die Bank weiterhin gut an den Müllers. Denn kurzfristiges Geld ist auf dem Kapitalmarkt billig zu haben: für rund vier Prozent. Da die Müllers weiter gewissenhaft zahlen, sind sie auch als "Risiko-Schuldner" für die Bank ein guter Kunde. Wie schon zuvor, in der Vergangenheit: 300 000 Mark an Zinsen bezahlte die Familie bis heute.

Als die Müllers um Rat bei der Bank suchen, nimmt ein Sachbearbeiter ihnen jede Hoffnung: Wer einmal mit Zins-Zahlungen in Rückstand gerät und zu einem Fall fürs Risiko-Management wird, bekommt bei der Berliner Bank nie wieder ein normales Darlehen. Das erfahren sie bei einem Kunden-Gespräch in einer Filiale. Dort hatte der Risiko-Abwickler sie hingeschickt, als sie ihm nach mehr als einem Jahr zuverlässiger Zins-Zahlungen einen Vorschlag zu einer Umschuldung gemacht hatten. Von Pontius zu Pilatus - und zurück.

Die Müllers haben keine Chance, doch sie geben die Hoffnung nicht auf. Sie wollen keinen Erlass von Schulden, wollen keine Zinsen geschenkt, wollen die Bank nicht um ihre Gewinne ("Vorfälligkeitsgebühren") bringen - sie wollen einfach nur marktübliche Zinsen. Warum ihnen diese Möglichkeit verwehrt wird, verstehen sie nicht. Seit 1999 haben sie jeden Monat die fällige Rate bezahlt. Sie legten Dokumentationen über Einnahmen und Ausgaben vor. Beantworteten jeden Brief und jede Anfrage. Sie legten ihr Vermögen offen und verkauften einige Gemälde aus ihrer Sammlung. Außerdem: Ihre finanzielle Lage hat sich durch die Vermietungen verbessert. Sie haben der Bank ferner zugesagt, sogar das Erdgeschoss zu vermieten. Sie selbst ziehen in den ersten Stock. Dadurch kommt zusätzliches Geld rein. Sie lassen nichts unversucht.

Auch nicht Gespräche mit anderen Kredithäusern. Bei einer dieser Banken stellt ein Sachbearbeiter eine Übernahme des Kredites in Aussicht. Offenbar ist das Verhältnis zwischen dem Wert der Immobilie und der Kreditsumme vernünftig. Während der Gespräche mit den Müllers rät der Angestellte dieser Bank ihnen jedoch, in den Anträgen nicht zu erwähnen, dass ihre Verträge mit der Berliner Bank in der Risiko-Abteilung liegen. Kurz bevor sie das Darlehen gewähren, erfahren es die Sachbearbeiter der Bank dennoch. Damit ist auch diese Hoffnung verloren. Inzwischen wissen die Müllers, dass keine Bank einen Kunden aus der Risiko-Abteilung eines anderen Geldhauses übernimmt. Das wissen auch die Angestellten der Berliner Bank. Dennoch wollen sie ihren Kredit nicht aus dem Risiko-Management herausnehmen. Sackgasse.

Die Suche nach Lösungen geht dennoch weiter. Die Müllers schalten ein Zeitungsinserat: Risiko-Kapital gesucht. Sie bekommen einen Fragebogen, füllen ihn aus und senden einen Stapel Dokumente dazu heraus. Eine Rückmeldung bekommen sie nie. Als sie nachfassen, erfahren sie, dass die Post von der Risiko-Kapital-Gesellschaft seit Monaten nicht mehr abgeholt wurde.

Die Müllers lassen nicht ab. Sie bieten der Berliner Bank verschiedene Modelle für eine langfristige Umschuldung an. Doch die Risiko-Manager gehen auf keines ein. Dabei würde sich die Bank nicht schlechter stellen, sagt Müller: Er verlangt lediglich einen Kredit mit fünfjähriger Laufzeit zu marktüblichen Zinsen. Dann müsste er nicht fürchten, dass die Bank die Immobilie in die Zwangsversteigerung schickt. Dieses Damoklesschwert schwebt über dem Paar. Die Versteigerung einer Immobilie im Wert von mehr als einer Million Mark - wegen eines Zinsrückstandes von 40 000 Mark!

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