Zeitung Heute : Risiko und Nebenwirkung Auf den Spuren der Volksdroge Cannabis

Dieter Kleiber

Cannabis ist die in der Bundesrepublik am häufigsten konsumierte illegale Droge. So gaben 26 Prozent der 12- bis 25-Jährigen im Jahr 2001 an, Erfahrungen mit Cannabis zu haben. Tendenz weiter steigend. Während Eltern und konservative Politiker davor warnen, dass der Cannabis-Konsum zu psychischen und körperlichen Störungen, zu Sucht, Krankheitsbildern und zum Umstieg auf härtere Substanzen führe, wollen immer mehr Länder den Umgang mit Cannabis erleichtern, entkriminalisieren oder vollständig frei geben.

Die Erforschung möglicher Risiken des Cannabis-Konsums für Betroffene sowie die Analyse und Bewertung des internationalen Forschungsstands zu den pharmakologischen und psychosozialen Auswirkungen des Cannabis-Konsums sind Aufgaben, die am FU-Institut für Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung seit vielen Jahren erforscht werden.

Danach sind die pharmakologischen und psychosozialen Folgen des Cannabis-Konsums weit weniger dramatisch als bisher angenommen, wie die Studien belegen (Koautoren: Renate Soellner, FU Berlin, bzw. Karl-Artur Kovar, Tübingen). Tödliche Überdosierungen sind weltweit nicht bekannt. Auch die akute Toxizität von Cannabis ist gering. Niedrige Dosen rufen eine milde Sedierung und Euphorie hervor. Im Cannabisrausch sind die Sinne geschärft, was subjektiv als eine gesteigerte Gefühlsintensität wahrgenommen wird und zu einem verlangsamten Zeitempfinden führt. Häufig kommt es zu gesteigertem Appetit. Unter akutem Cannabis-Einfluss ist die Konzentrationsfähigkeit herabgesetzt, ebenso zeigen sich Leistungseinbußen in der Reaktionsfähigkeit, die später abklingen.

Der chronische Konsum ist jedoch nicht frei von Risiken: So kann es zu einer Beeinträchtigung der Bronchialfunktionen kommen. Außerdem wirkt Cannabis in der Kombination mit Tabak Krebs erregend. Hormonelle Beeinträchtigungen sind nicht eindeutig belegt, dennoch sollte insbesondere in der Schwangerschaft auf einen Konsum von Cannabis – wie auch auf den Konsum anderer Drogen – verzichtet werden.

Der Konsum von Cannabis führt zu keiner körperlichen Abhängigkeit, bei ein bis zwei Prozent der Konsumenten jedoch zu einer psychischen. Dafür ist allerdings in erster Linie weniger die pharmakologische Wirkung verantwortlich, sondern bereits bestehende psychische Probleme. Psychosozial vorbelasteten Personen ist deshalb vom Cannabis-Konsum dringend abzuraten. Zudem ist – mit Blick auf eine mögliche Abhängigkeitsentwicklung – der gleichzeitige Gebrauch mehrerer Drogen und ein chronischer Dauerkonsum mit Risiken verbunden.

Wer Cannabis konsumiert, muss vor allem mit zumeist reversiblen, aber doch Stunden anhaltenden, kognitiven und psychomotorischen Beeinträchtigungen rechnen. Die Annahme, dass der Konsum von Cannabis dabei eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit nach sich zieht, ließ sich nicht beweisen. Es zeigt sich aber, dass Menschen mit Problemen häufiger zu Cannabis greifen als andere. Auch die immer wieder vorgetragene Ansicht, Cannabis sei eine Einstiegsdroge, findet keine wissenschaftlichen Belege. Zwar haben opiatabhängige Personen häufig Cannabis als erste illegale Droge konsumiert, doch führt die Einnahme von Cannabis keineswegs automatisch zum Umstieg auf härtere Drogen. Möglicherweise fördert sogar die Illegalität des Konsums eine Assoziation zu anderen illegalen Drogen.

Cannabiskonsum führt – anders als vermutet – nicht zum Leistungsabfall. Vielmehr zeigen Studien, in denen Studenten und Schüler stichprobenartig untersucht wurden, für den größten Teil der Konsumenten keine geringere Leistungsmotivation oder schlechtere Leistungen als Nichtkonsumenten.

Die Forschung bemüht sich in den vergangenen Jahren vermehrt darum, die therapeutischen Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis beziehungsweise seiner Inhaltsstoffe und deren synthetischen Abwandlungsprodukte zu untersuchen. Bislang ist gut belegt, dass THC, Nabilone und Levonantradol Erbrechen verhindern können, weshalb Cannabinoide in der Therapie von Krebspatienten eingesetzt werden könnten. Cannabinoide können außerdem appetitanregend wirken, weshalb sie bei einem schlechten Allgemeinzustand von AIDS- und Krebspatienten eingesetzt werden können. Mit der Entdeckung der Cannabinoid-Rezeptoren eröffnet sich ein weites Feld für zukünftige Forschungen, zu den Wirkungen und Wirkungsweisen von Cannabinoiden und zur Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze.

Der Autor ist Professor für Psychologie und Gesundheitswissenschaftler an der FU.

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