RITA DROZDINSKY : 1948 Jahrgang

Sie sind so alt wie ihr Heimatland. Und ihre Biografien erzählen seine Geschichte. Fünf Lebensläufe aus Israel.

Sarah Schelp

aus Ramat Gan, geboren am 20. Juli 1948 in Weißrussland

„Ich bin vor zwei Jahren aus Russland eingewandert, weil es an der Zeit für mich war. Als kleines Mädchen in Weißrussland hat mein religiöser Großvater mir einmal gesagt: Wir Juden sollen in Israel leben – oder wenigstens dorthin gehen, um zu sterben. Sterben möchte ich zwar noch lange nicht, aber ich habe immer gespürt, dass hier mein Zuhause ist. In Weißrussland haben wir früher gedacht, dass Israel ein sehr spirituelles Land ist und man dort noch wie zu biblischen Zeiten lebt. Ich habe längst verstanden, dass das nicht stimmt. Es gefällt mir hier trotzdem sehr gut. Kurz nach meiner Ankunft aus Moskau im Jahr 2006 brach der zweite Libanonkrieg aus. Das war das erste Mal überhaupt, dass ich mit meinem Alter gehadert habe: weil ich mein Land nicht mehr als Soldatin verteidigen konnte. Nun werden Israel und ich schon 60. Für einen Staat ist das sehr jung, mich dagegen finde ich ziemlich alt. Israel ist für mich wie ein hübsches Kind, das wegen seiner Jugend noch Fehler macht. Ich finde es zum Beispiel schlimm, wie der Staat die Überlebenden des Holocaust behandelt. Sie werden nicht ausreichend unterstützt. Die Israelis waren mir gegenüber immer freundlich und offen. Ich bin nicht aus finanzieller Not eingewandert, und mir war immer klar, dass sich mein sozialer Status in Israel sogar verringern würde. In Moskau hatte ich eine gute Stellung als Dozentin für Russisch an der Universität. Viele der russischen Immigranten fühlen sich in Israel nicht gebraucht und sind deshalb unglücklich. Sie dachten wohl, hier würde sie das Paradies erwarten. Dabei gibt es kein Paradies auf Erden, nicht einmal im Heiligen Land. Ich finde dieses pausenlose Klagen zu passiv, besonders von den Einwanderern in meinem Alter. Wir sind vom autoritären russischen System gewöhnt, dass stets für uns gedacht und entschieden wird. Hier sieht das Leben zum Glück anders aus. Man sollte nicht darauf warten, dass jemand kommt und einen bei der Hand nimmt – in Israel muss man eine Kämpfernatur sein und seinen Weg selber gehen.“

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