Zeitung Heute : Ritter, Tod und Fettsucht

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie schlimm ist Dicksein wirklich?

Hartmut Wewetzer

Jeden Morgen das gleiche Drama. Der Kampf mit der Waage. Man steigt drauf, der Zeiger tanzt, schlägt aus – und dann das Urteil. Zu schwer! Oder auch: noch mal Glück gehabt. Selten, dass man etwas leichter geworden ist.

Längst hat die Weltgesundheitsorganisation die Fettleibigkeit zur globalen Epidemie erklärt. In den USA sind 65 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, haben also einen Körpermasse-Index von mehr als 25 (BMI, errechnet sich nach der Formel: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern). Fast jeder dritte US-Bürger gilt gar als fett, hat also einen BMI von mehr als 30. „Eine gewaltige Seuche sucht die Welt heim, und sie wird zu einem massiven Anstieg an Todesfällen führen“, prophezeit der Hormonforscher Stephen Bloom vom Londoner Imperial College. Lasst alle Hoffnung fahren, Ihr, die Ihr fettsüchtig seid!

Mitten in die Untergangsstimmung platzt eine Studie, die alles auf den Kopf zu stellen scheint. Forscher des Nationalen Krebsforschungsinstituts der USA und des Seuchenzentrums CDC haben im Fachblatt „Jama“ eine Untersuchung veröffentlicht, nach der leicht Übergewichtige (BMI zwischen 25 und 30) nicht etwa ein höheres, sondern ein niedrigeres Sterberisiko während des Untersuchungszeitraums als Normalgewichtige (BMI von 18,5 bis 25) haben. Gesundheitlich gefährdet sind dagegen vor allem sehr dünne und sehr dicke Menschen. Die Studie fußt auf repräsentativen amerikanischen Gesundheits- und Ernährungsumfragen aus den Jahren 1960 bis 2000.

Die Fachwelt war verblüfft, und das umso mehr, als das Risiko für Zuckerkrankheit (Diabetes), Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte mit der Zahl der Pfunde steigt. An dieser Tatsache führt auch künftig kein Weg vorbei. Die Forscher vermuten aber, dass die mittlerweile besseren Behandlungsmöglichkeiten dazu beigetragen haben, die Last der Pfunde leichter zu machen. Auch könnte die alte Volksweisheit gelten, dass in höherem Lebensalter ein bisschen mehr Gewicht nicht schaden kann, weil es auch zu mehr Muskel- und Knochenmasse führt.

Was tun? „Wenn Sie Übergewicht haben, Ihre Eltern alt wurden und Sie selbst keine deutlichen Risikofaktoren für Herzkrankheiten oder Diabetes haben, dann können Sie Ihre Energie eher darauf verwenden, sich jeden Tag zu bewegen und sich gesund zu ernähren“, rät David Williamson, Mitarbeiter der Studie.

Dem stimmt Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Rehbrücke zu. Doch er ist vorsichtiger: „Jenseits der 70 braucht einen leichtes Übergewicht nicht zu beunruhigen – wenn keine Stoffwechselerkrankungen vorliegen. Aber man sollte nicht schon in jungen Jahren Übergewicht haben.“

Mit den Jahren darf man also ruhig ein wenig zunehmen. Aber einen Freibrief fürs Dicksein gibt es trotzdem nicht. Unser Gewicht sollten wir im Griff haben, nicht umgekehrt. Die Waage bleibt im Dienst. Heute morgen hat sie mir sogar freundlich zugeblinzelt.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben