Zeitung Heute : Ritter Wladimir

Wie der russische Präsident Putin in der Spandauer Zitadellenschänke Mittelalter spielte

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Der Pressetermin im Bezirksamt am Vormittag des 14. Juni 2000 auf der Spandauer Zitadelle ist Routine. Wären da auf dem Rückweg nicht die Polizeitaucher im trüben Wasser des Festungsgrabens. „Eine Übung“, versichert ein Einsatzleiter, dann schnappe ich den Namen Putin auf. Richtig, Russlands Präsident wird zum Staatsbesuch erwartet. Ein paar Telefonate bekräftigen den Verdacht. Die Russische Botschaft hat Plätze in der Zitadellenschänke reserviert. Lässt sich der medienträchtige Besuch von USPräsident Clinton im Gugelhof am Kollwitzplatz noch toppen? Selbstverständlich habe man am Abend geöffnet, ergibt die Nachfrage in der Gaststätte.

Abends steht ein Polizist an der Zitadellenzufahrt, fragt nach dem Ziel. Die Schänke? Prompt gibt er den Weg frei. Nur wenige Gäste sitzen im Restaurant. Wirt Werner Niklefski lädt mich an seinen Tisch ein. Die Vorhut vom Bundeskriminalamt kommt. Man erkennt mich, niemand fordert mich auf zu gehen. Draußen zucken Blaulichter. Gegen 22 Uhr betritt Wladimir Putin in schwarzen Jeans und grauem Polohemd mit Ehefrau Ludmilla die Schänke. Das Paar nimmt in der hintersten Ecke des Kaminzimmers Platz, während sich der Begleittross an den Nachbartischen platziert. Man bestellt das „Liebesmahl aus der Küche des Alchemisten“: orientalische Vorspeise, Suppe und Kalbskeule.

Beim Heideröslein des Zitadellenbarden und der Fackeltänzerin bleibt die Stimmung noch verhalten. Doch als ein kostümierter Schauspieler dem Präsidenten einen überdimensionalen Bierkrug reicht, greift er zu und leert ihn mit kräftigen Zügen. Ich versuche, nicht an die Bodyguards zu denken, greife nach der Kamera. Niemand schreitet ein, auch ein Kameramann aus Putins Begleitung filmt. Dann das Unglaubliche: Der mächtigste Mann Russlands kniet nieder und wird mit einem riesigen Holzschwert zum Ritter von Spandau geschlagen. Auch zu einem Tänzchen mit seiner Ludmilla lässt sich Putin animieren. Dann gibt es ein Autogramm ins Gästebuch, 100 Dollar fürs Personal, und der Präsident verschwindet mit freundlichem Gruß.

Als am nächsten Abend der Tagesspiegel mit den Exklusivbildern des Ritterschlags ausgeliefert wird, beginnen die Telefone zu schrillen. In den Redaktionen der Boulevardpresse herrscht Ausnahmezustand. Während ein Blatt die Genehmigung zum Nachdruck erhält, kopiert ein anderes einfach die entsprechende Tagesspiegel-Seite. Putins Ritterschlag ist ein Hit, das Foto geht um die Welt.

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