Zeitung Heute : Ritual der Gewalt

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Von Lutz Haverkamp

In Erfurt ermordet ein 19-Jähriger 16 Menschen in einem Gymnasium. Auf Djerba reißt ein explodierender Gaswagen eine Touristengruppe in den Tod. Ein Ehemann verprügelt seine Frau, Skinheads jagen Ausländer, Autonome werfen Steine auf Polizisten. Massaker, Krieg, Mord, Sachbeschädigung, Plünderungen. Gewalt hat viele Gesichter, und sie scheint alltäglicher Bestandteil des Lebens zu sein. Ist sie schon der Normalfall? Und woher kommt die Gewalt? Was treibt den Menschen, zu stechen, zu schießen, zu prügeln und zu morden?

„Es ist eine Illusion zu glauben, Gewalttäter seien stets von Aggressionen getrieben. Als müsse man den Menschen lediglich die aggressiven Neigungen abgewöhnen, um der Gewalt ein für allemal Herr zu werden“, stellt Wolfgang Sofsky fest. Der Publizist und Professor für Soziologie lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt und widmet sich seit Jahren der Analyse gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse. „Menschen können aus demselben Motiv ganz verschiedene Verhaltensweisen an den Tag legen.“ Und Gewalt ist eben doch nur eine Möglichkeit – von vielen anderen.

Über allem steht die Frage nach dem Warum. Die Forschung sucht nach Antworten: Ist es die identitätsstiftende Wirkung der Gewalt, die einen Amokläufer antreibt, seine Opfer in einem Exzess zu töten? Ist es der Spaß an sich, mit einer Horde Gleichgesinnter durch die Straßen zu rennen und Andersdenkende zu jagen? Oder sind es die Verlockungen von Ruhm und Beute, Neugier oder Langeweile? „Gewalt kann mit Willfährigkeit verbunden sein oder mit der Lust an der Willkür, mit blinder Wut oder Ekel, mit Pflichtgefühl und Geltungsdrang, mit der Sehnsucht nach Anerkennung, mit Kaltblütigkeit oder dumpfer, motivloser Gewöhnung“, schreibt Sofsky. „Anders gesagt: Was ihre Gemütszustände anlangt, sind Gewalttäter nicht festgelegt.“ Und Sofsky zerstört die trügerische Hoffnung, dass es einen bestimmten Anlass gibt, der Menschen zu Gewalttätern macht.

Klaffende Lücke

So könnten äußere Umstände zwar die eine oder andere Gewalttat beeinflussen, Ursache dafür seien sie aber nicht: „Viele Menschen weisen eine ähnliche Biografie auf oder existieren in denselben unwirtlichen Umständen, ohne im Traum daran zu denken, auch nur die Hand zu heben.“ Das sei, so folgert der Soziologe, die klaffende Lücke zwischen der Gelegenheit und dem eigentlichen Akt, Gewalt auszuüben – die menschliche Entscheidungsfreiheit eben.

In den ersten beiden Nächten des Monats Mai haben sich in Kreuzberg und Prenzlauer Berg viele Menschen für die Gewalt entschieden. Das war zu erwarten. Weil es manche Menschen so wollten? Weil es irgendwie schon immer so war? Immer am 1. Mai, immer in Berlin. „Das Ritual entfesselt die Gewalt. Es stiftet eine Gemeinschaft im Ausnahmezustand, eine Festgemeinschaft, in der Freude und Begeisterung den Schrecken besiegt haben“, erklärt Sofsky. Und die Menge wisse genau um die Gesetze, die sie übertreten werde. Aber sie brauche das Verbot nicht mehr zu fürchten, weil die Menge aus einer Vielzahl besteht, weil die Menge zur Masse mutiert, die den einzelnen mitreißt, ihn über die Schwelle zieht, ihn verändert. Allen gemein sei die frenetische Freude, sich womöglich straflos über das Gesetz zu erheben. Und das Ziel? Spaß, der Kampf gegen das Establishment, die vermeintliche Erkenntnis, dass nur Gewalt helfe, Strukturen zu verändern? Hat der 1. Mai in Berlin in dieser Form überhaupt noch ein soziales, ein politisches Ziel?

Ohne Ziel

Der Amoklauf hat das sicherlich nicht. Dem Gewaltexzess fehlt dieses Ziel. Der 19-jährige Robert Steinhäuser in Erfurt wollte nichts verändern. „Dem Berserker geht es ganz um sich“, sagt Sofsky. „Nicht das Ergebnis gibt den Ausschlag, sondern das Tun. „Was zählt, ist die Aktion, das Erlebnis, die Existenz jenseits der Grenze. Der Exzess befreit den Menschen nicht nur vom Verbot, er befreit ihn vom Zwang, sich zu sich selbst verhalten zu müssen.“

Die Gesellschaft in der Bundesrepublik lebe mit immer mehr Gewalt, stellt Hermann Lutz, Ex-Chef der Gewerkschaft der Polizei im Gespräch mit dem Tagesspiegel fest. Und Konflikte würden immer mehr mit immer brutalerer Gewalt gelöst. „Die Veränderungen in unserer multi-kulturellen Gesellschaft haben auch Veränderungen bei den Konfliktlösungen mit sich gebracht“, sagt Lutz und beruft sich auf eine Untersuchung des niedersächsischen Justizministeriums. Die habe festgestellt, dass manche Kulturkreise ihre persönlichen Konflikte mit immer mehr Gewalt zu lösen versuchten. „Diese Verhaltensmuster werden immer mehr übernommen“, klagt Lutz und sagt: „Nicht amerikanische Verhältnisse bedrohen uns. Russische Verhältnisse sind viel schlimmer.“

So vielfältig und kompliziert die Ursachen von Gewalt in all ihren Auswüchsen und Erscheinungsformen auch gelagert sein mögen. Aber eines verbindet Terror, Krieg, Amok, Plünderungen und Vergewaltigungen am Ende schließlich doch noch. Gewaltforscher Sofsky: „Für die Opfer ist es die Hölle.“

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