Zeitung Heute : Rivka Rinn und Micha Ullman: Wie wir wurden, was wir sind

Katrin Bettina Müller

"Niemand" hieß die erste Skulptur, die der israelische Bildhauer Micha Ullman 1992 für den öffentlichen Raum in Berlin realisiert hat. Die Kubatur aus Stahl gleicht einem unbetretbaren, nach innen verschluckten Raum. Sie umschreibt ein Defizit: Etwas ist hier nicht mehr zugänglich und der Welt abhanden gekommen.

Als Rivka Rinn 1994 nach Berlin kam als Lebensgefährtin des ersten Direktors des Jüdischen Museums, Amnon Barzel, erlebte die temperamentvolle Künstlerin zum ersten Mal in ihrem Leben eine tiefe Niedergeschlagenheit. Dazu trug nicht nur die Enttäuschung über den Streit um das Museum bei, dem damals kein eigener Status zugebilligt wurde. Täglich beschäftigten sie die Diskussionen um den Umgang mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus und der Vernichtung jüdischen Lebens, die hier plötzlich so viel näher auf sie eindrangen als an ihren vorherigen Wohnorten in Tel Aviv, Wien und Florenz.

"Ich konnte keinen Schritt vor die Tür setzen, keine Straße überqueren, ohne Verbindungen zu sehen", erinnert sie sich. Fuhr eine S-Bahn nach Wannsee, dachte sie an die Konferenz, auf der dort 1942 die Deportation der europäischen Juden organisiert wurde; hörte sie vom Reichstag, musste sie an die die Juden ausschließende Gesetzgebung denken und bald gab es kaum noch einen Ort, zu dem nicht eine neue Geschichte der Verdrängung auftauchte. Mit dieser Besetzung der Stadt durch die Rückkehr der Geschichte hatte sie nicht gerechnet. Sie blieb dennoch und hält auch heute zwischen Rom und Berlin pendelnd an ihrem Atelier in Kreuzberg fest. Die Auseinandersetzung hier, meint sie, hat ihr Freundschaften gebracht.

Ihre Fotografien von Berlin aber, die in Videos und Tafeln Teil eines visuellen Tagebuchs über die alltäglichen Wege und die Beschleunigung unserer Wahrnehmung geworden sind, zerfallen in zwei Bildgruppen: Die eine ist mit den historischen Namen verbunden, die andere zeichnet das wachsende Netz ihrer privaten Beziehungen nach. In ihrem Video "Velocity Particles" verschränken sich beide Ebenen im Takt von acht Bildern pro Sekunde. Sie sind nicht mehr von einander zu trennen. Der Betrachter erfährt nichts von der Verbindung der schnell vorbeiwischenden Orte mit der Geschichte der Vernichtung. Der Sog, den sie entwickeln, aber verstärkt das Gefühl eines Verlustes von Wirklichkeit: Nicht bleiben und nichts festhalten zu können, bestimmt den Pulsschlag des Lebens.

Nicht weit von der neu gegründeten Galerie achshav.now in der Linienstraße, die Micha Ullman mit seiner Installation "sand days" eröffnet hat, haben sich die Eltern des 1939 in Tel Aviv geborenen Bildhauers kennen gelernt. Seine Tante führte in der Auguststraße ein Kinderheim. Ausgesprochen werden diese biografischen Bezüge in seinen Raumzeichnungen aus Sand nicht und dennoch könnten sie die Erinnerung an die eigene Geschichte wie ein Sandkorn unter vielen anderen zerriebenen Splittern bergen.

In Berlin ist Micha Ullman durch die "Bibliothek" zum bekanntesten Künstler aus Israel geworden. Der unterirdische Raum unter dem Bebel-Platz ist nur durch ein Fenster zu betrachten. In ihm fehlen die Bücher, die mit der Bücherverbrennung zerstört oder überhaupt nie geschrieben wurden. Selten widersteht ein Ort der Erinnerung so sehr jedem Pathos und jeder Monumentalität. Das Verschwinden und der Verlust haben zu einer Form gefunden, ohne in einem Symbol zu erstarren.

Bücher beschäftigen Micha Ullman auch in seiner Ausstellung "Viertakt" in der Akademie der Künste, der er seit 1996 angehört. Aus dem roten Sand seiner Heimat hat er aufgeschlagene und aufgeblätterte Bücher geformt und dunkle Kammern gebaut, in die nur durch einen schmalen Trichter Licht fällt wie in eine Kamera. So baut er die Speichermedien von Text und Bild aus einem Material nach, das ebenso formbar wie unbeständig ist. Der Sand ist nicht fixiert. Alles Geschriebene und alles Abgebildete wird wieder zerfallen.

Auf Zehenspitzen tritt das deutsche Publikum oft an israelische Kunst heran, bemüht um den politisch korrekten Blick. Die Werke von Rivka Rinn und Micha Ullman sperren sich gegen eine Vereinnahmung, die Künstlern aus Israel qua ihrer Herkunft die Rolle zuteilt, für die Bearbeitung der Vergangenheit zuständig zu sein. Dies ist umso mehr eine unzulässige Reduktion, da beide eine sinnliche Erfahrungsebene anbieten, in die man überall und sofort einsteigen kann. Beide fragen, wie weit die Spuren dessen, was wir geworden sind, zurück reichen und wie sie den Blick auf unsere Gegenwart prägen.

Rivka Rinn fotografiert auf dem Weg zum Supermarkt und auf dem Flug nach Rom, in Autobahntunneln und an Mautstellen, auf Bahnsteigen und Landebahnen. Die moderne Mobilität, die das Begreifen der Wirklichkeit aushöhlt durch den ständigen Wechsel der Kulisse, erhält bei ihr eine neue Signatur. Die Bildträger aus Glas, Emaille, Metall und Leinwand halten dabei den flüchtigen Bildern den Wunsch des Dauerns entgegen. Ihre Bilder sind nicht kalkuliert und bestechen doch durch eine eigene Schönheit.

Rivka Rinn, geboren 1950 in Tel Aviv, begann als Malerin. Eines ihrer ersten Ateliers lag in der Wüste, unterhalb einer Radarstation, an der sie ihren Militärdienst leistete. Auf einem der letzten Bilder, die sie 1987 malte, hat sie die Raumstation "Voyager I" skizziert. Sieht man heute ihre fotografischen Reihen, könnte man fast glauben, dass sie selbst sich in einer unendlichen Umlaufbahn um die Erde befindet und dort Signale verschiedener Orte und verschiedener Zeiten auffängt.

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