Zeitung Heute : Robin Hood – sich selbst am nächsten

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Gehrke

Kurz vor dem Urteil dachte der „Robin Hood“ aus Neukölln wohl doch mehr an sich als an andere. Posträuber Günther R. sorgte wenige Stunden vor dem Urteil für eine Überraschung: Zwei Polizisten erschienen mit rund 100 000 Euro im Gerichtssaal. Nach dem unerwarteten Auftauchen dieses weiteren Teils seiner Beute in Höhe von insgesamt mehr als 700 000 Euro wurde der 47-jährige R. zu neun Jahren Haft verurteilt. Ohne Rückgabe wären es einige Jahre mehr geworden.

Günther R. wollte Gutes tun, sich eine Existenz im sozialen Bereich aufbauen und die Pflege von alten oder behinderten Menschen besser gestalten. So hatte er es jedenfalls den Richtern erklärt. Nachdem er in einer Mariendorfer Postfiliale mehr als 700 000 Euro erbeutet hatte, will er etwa ein Drittel der Summe verpackt und anonym an „Leute, die das Geld gebrauchen können“ verschickt haben. Den Großteil der Beute fanden die Ermittler, die Günther R. den Spitznamen „Robin Hood“ gaben, bei seiner Festnahme eine Woche nach dem Überfall.

Der anonyme Wohltäter wollte über den Rest der Beute schweigen. „Das Geld bleibt, wo es ist, auch wenn ich alle Konsequenzen trage“, sagte er zu Prozessbeginn. Neun Jahre Haft waren für den Fall im Gespräch, dass Günther R. den Verbleib der Restbeute offenbart. Der Angeklagte mit weißen, schulterlangen Haaren wollte hartnäckig blieben. Dann aber kam das erste Plädoyer des Staatsanwaltes. Jetzt ging es um 13 Jahre Haft.

Günther R. überlegte es sich wohl anders. Doch alles lief geheim. Die Richter wollten von den beiden Polizisten auch nicht wissen, wo das Geld war. Sie ließen sich nur die Summe nennen und entließen die Beamten: „Kommen Sie unbeschadet mit dem Geld zur Post.“ Dort hatte Günther R. im Januar leichtes Spiel. Als Monteur verkleidet und mit gefläschtem Dienstausweis hatte er zweimal Anlauf genommen und schließlich bei seinem dritten „Besuch“ am 16. Januar eine Pistole gezogen, zwei Angestellte gefesselt und den Tresor leergeräumt. Als er geschnappt wurde, saß er in einem Polizeifahrzeug, das er sich gerade gekauft hatte.

Nach dem unerwarteten gestrigen Fund fehlen noch immer 150 000 Euro. Günther R. habe aber sein Bemühen zur Rückgabe der Beute gezeigt, hieß es im Urteil. Allerdings waren sich die Richter nicht sicher, ob „Robin Hood“ nach der Haft ein Leben ohne Verbrechen führten wird. Schließlich saß er wegen drei ähnlicher Überfälle bereits 16 Jahre im Gefängnis. Es müsse mit ähnlichen Taten gerechnet werden, hieß es im Urteil. Die Richter ordneten deshalb an, dass sein „DNA-Identifizierungsmuster“ gespeichert werden soll.

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