Zeitung Heute : Roboterschmiede

Das Produktionstechnische Zentrum am Spreebogen strahlt mit seinen Ideen in die Industrie aus

Günter Spur

Es liegt direkt an der Spree, ein gelungenes Bauwerk, ausgezeichnet mit dem Europäischen Stahlbau- sowie dem Deutschen Architekturpreis: das Produktionstechnische Zentrum (PTZ) der TU Berlin.

Das Institut strahlt aus – bis heute haben dort über 400 junge Ingenieure promoviert. Mehrere 100 von ihnen sind im Topmanagement der Wirtschaft tätig. Etwa 25 haben eine eigene Firma gegründet, über 50 sind in leitender Stellung in der Forschung verblieben und fast siebzig in der Lehre tätig, als Professoren an Hochschulen.

Die gleichfalls am Spreebogen ansässigen Unternehmen Inpro, Gedas und IMT eingerechnet, hat das PTZ in den zurückliegenden fast 30 Jahren durch Ausgründungen mehr als 1500 Arbeitsplätze geschaffen.

Charlottenburg war schon durch die 1879 gegründete Technische Hochschule bekannt. 1904 richtete Georg Schlesinger in Berlin den ersten deutschen Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen, Fabrikanlagen und Fabrikbetriebe ein. Der tatkräftige Ingenieur baute ein Versuchsfeld auf, seine Arbeiten fanden weltweite Anerkennung.

An diesem großen Pionier der Produktionswissenschaft, der 1933 von seinem Lehrstuhl vertrieben wurde und 1949 in London verstarb, orientierte sich der Wiederaufbau der Nachkriegszeit. Das Institut war ausgelagert und verwüstet. Nur noch ein Viertel der Nutzfläche stand zur Verfügung. Das Versuchsfeld blieb erhalten. 1946 umfasste der Lehrstuhl die Fachgebiete Werkzeugmaschinen, Fertigungstechnik und Psychotechnik. Mit Karl P. Matthes wurde ein Fertigungsingenieur aus der Praxis berufen. Sein Nachfolger war Heinrich Schallbroch. Er konzentrierte sich auf den Neubau an der Fasanenstaße, der mit Unterstützung der Wirtschaft schnell gelang.

Ende der 60er Jahre bekam die Berliner Produktionswissenschaft mit dem Aufkommen der elektronischen Datenverarbeitung ein neues Profil. Alte Berufsbilder verschwanden, neue erschienen. Zunehmend kamen rechnergesteuerte Maschinen zum Einsatz. Weltweit erfolgte ein dramatischer Wandel der Fertigungstechnologie, die rechnerunterstützte Konstruktion änderte die Methodik der Produktentwicklung tief greifend. Das Reißbrett wurde vom Computer abgelöst. Immer schneller, immer besser und immer billiger – die Automatisierung überschlug sich in der Rasanz ihres Fortschritts. Die Wissenschaftler der TU übernahmen früh diese Trends, um sie mitzubestimmen. 1976 entstand in Berlin das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK). Als Doppelinstitut wurde es ein Begriff für moderne Produktionstechnik.

Doch die drei Standorte platzten bald aus allen Nähten. Das Labor an der Fasanenstraße war überfüllt mit Entwürfen zur flexiblen Automatisierung. Das Fraunhofer-Institut in der Kleiststraße erweiterte sich zu einem Pionierzentrum der industriellen Informationstechnik. Das Roboterlabor in der Ackerstraße erhielt Großaufträge für Automatisierungssysteme im Automobilbau.

Der Leistungsdruck wuchs von Jahr zu Jahr. Die schon früh vorbereitete Konzeption eines Gemeinschaftsinstituts nahm Anfang der 80er Jahre Gestalt an. Das neue PTZ wurde im Herbst 1986 durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnet. Es war ein Höhepunkt nicht nur für die Geschichte des Instituts, sondern auch für die TU und für die Wirtschaft im damaligen West-Berlin. Das ging nicht ohne Auseinandersetzungen mit technikfeindlichen Gruppen ab. Technologie wurde damals gleichgesetzt mit kapitalistischer Ausbeutung. Es gab Institutsbesetzungen, Krawalle und Anschläge auf Personen. Das PTZ war Ziel von Bombenanschlägen, der Institutsleiter wurde sogar persönlich bedroht.

Die Jahre zwischen 1991 und 1995 standen im Zeichen der Wiedervereinigung. Das Institut hatte stets gute Kontakte zu den Kollegen in der DDR. Als die Fraunhofer-Gesellschaft beschloss, weitere Institute in den neuen Bundesländern zu gründen, eröffnete das IPK eine Außenstelle im Ostberlin. 1992 nahmen die Fraunhofer-Einrichtungen für Robotersystemtechnik und für Bildverarbeitung in Berlin-Mitte ihre Arbeit auf.

Auch beim Neuaufbau der Universitäten in den neuen Bundesländern war das PTZ beteiligt. Der brandenburgische Wissenschaftsminister Hinrich Enderlein ernannte den Leiter des PTZ 1991 zum Gründungsrektor der neuen TU in Cottbus.

Heute erforscht das Doppelinstitut sowohl Grundlagen als auch innovative Technologien und Dienstleistungen für Produktionsprozesse im Maschinenbau, Elektrotechnik und Fahrzeugtechnik – aber auch für die Medizintechnik, Telematik und Unternehmensnetzwerke.

Der Wissenschaftler Günter Spur war von 1965 bis 1997 Professor für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik an der TU Berlin. 1976 gründete die Fraunhofer-Gesellschaft das von ihm angeregte Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar