• Rocket eBook: Durchwachsener Start für elektronisches Buch - Eine komfortablere Version mit Terminkalender ist schon in Arbeit

Zeitung Heute : Rocket eBook: Durchwachsener Start für elektronisches Buch - Eine komfortablere Version mit Terminkalender ist schon in Arbeit

Klaus Angermann

Im November 1998 führte die Firma NuvoMedia das erste elektronische Buch mit Monochrom-Display ein. Das Rocket eBook brachte Texte auf einen 12 mal 8 Zentimeter kleinen Bildschirm und versprach eine besonders einfache Handhabe: Der Kunde sollte sich aus dem Internet digitalisierte Bücher herunterladen und mittels spezieller Software nur im eBook anschauen können. Doch zum Launch standen kaum 180 Titel zur Verfügung und animierten nur wenige Technik-Begeisterte zum Kauf. Seit Stephen King seinen Roman "Riding the Bullet" exklusiv als eBook-Variante im Internet anbot und in zwei Tagen über 500 000 Mal verkaufte, dürfte das eBook auch hier zu Lande ein Begriff sein, wenigstens den Fans des Horror-Genres.

Vorgeführt wurde das Gerät bereits auf den Frankfurter Buchmessen 1998 und 1999, doch erst seit Juni ist es auch in Deutschland zum Preis von 675 Mark erhältlich. Die Ausstattungsmerkmale: Das eBook wiegt 627 Gramm, hat die Maße 19 mal 12,5 mal 3,5 Zentimeter und kann mit 16 MByte Kapazität bis zu 50 Bücher speichern. Das Display besteht aus einem 6,5-Zoll-Touch-Screen (105 dpi), bei angeschalteter Hintergrundbeleuchtung sind bis zu 17 Stunden Lesezeit drin, bevor der Akku wieder an die Stromtanke muss. Über ein serielles Kabel oder via Infrarot-Schnittstelle wird das eBook mit dem PC verbunden, die mitgelieferte Software verwaltet die "Bibliothek". Sie spielt Downloads auf das Buch oder wandelt eigene Beiträge in das eBook-Format um.

Im Praxistest zeigt sich jedoch, dass elektronische Bücher einige Nachteile haben. Das Gewicht (Handys wiegen weniger als ein Sechstel) lässt schnell die Hand ermüden. Warum die zwei Tasten zum Blättern mittig angeordnet sind, so dass das Buch relativ weit unten angefasst werden muss, bleibt ein Geheimnis der Designer. Besser ist die Größe des Displays im Vergleich zu den kleineren PDAs. Ohne Beleuchtung ist das Buch jedoch schlecht zu lesen, zusätzlich fällt die unzureichende Entspiegelung auf. Das Unterstreichen und Hinzufügen von Notizen ist praktisch, ebenso einfach ist das Suchen im Text gelöst.

Weiterreichende Funktionen - beispielsweise als Organizer - besitzt das eBook nicht. Aber ein Update ist schon in Arbeit. Im März gab die Gemstar International Group Limited eine Kooperation mit Thomson multimedia bekannt, um die nächste Generation des eBook zu entwickeln. Geplant sind leichtere und funktionellere Modelle, die auch den PDAs Konkurrenz machen und durch eine weitere Verbreitung für günstigere Preise sorgen sollen. Auch Microsoft und Toshiba haben im Juli eine Kooperation bekannt gegeben, aus der hochauflösende TFT-Displays für zukünftige eBooks entstehen sollen. Doch was nützt die beste Hardware, wenn sie kaum Titel verarbeiten kann. Derzeit sind im Internet lediglich rund 500 deutsche Titel über Bertelsmann Online ( www.bol.de ) und Dibi ( www.dibi.de ) erhältlich, dazu kommt das englische Angebot unter Barnes & Noble ( www.barnesandnoble.com ) mit weiteren 3555 Titeln. Bei den beiden deutschen Online-Anbietern zeigt man sich nach dem ersten Monat zufrieden, wie auch Ute Weinhold von BOL bestätigt: "Schon in der Startwoche wurden neben 320 Titelbestellungen 50 eBooks verkauft." Aber auch Weinhold gibt zu, dass das eBook für einen Durchbruch viel mehr Titel braucht. Ärgerlicherweise können Menschen ohne Kreditkarten keine Bücher ordern: "Der Kunde bekommt die Ware schließlich sofort und muss nicht Tage darauf warten", begründet Weinhold. Eleganter und kundenfreundlicher bietet der Konkurrent Dibi neben eCash und Kreditkarte die Bezahlung über eine Vorauskasse an, die wie ein Konto vorab mit normalen Überweisungen gefüttert wird. Hat man sich auf einen Zahlungsmodus geeinigt, klickt man nur noch einen Download-Button an und lädt den Titel auf die Festplatte herunter.

Aber längst gibt es nicht nur Buchtitel zu kaufen, auch Tagesaktuelles steht zum Download bereit. In Deutschland bietet die Financial Times Deutschland (FTD) Teile ihres Online-Angebotes als eBook-Datei kostenlos an. "Wir wollen unsere Infos bestmöglich verbreiten", sagt Henry Lübberstedt aus der Online Redaktion. Die FTD gibt es daher unter www.ftd.de auch als WAP- und als PDA-Version.

Vorerst ist nur ein kleiner Teil der Printausgabe für das eBook aufbereitet, aber später ein entsprechendes Format für Abonnenten, das sogar eine freie Zusammenstellung von festgelegten Themengebieten erlaubt, die dann automatisch - nach dem individuellen Profil aufbereitet - per Internet-Newsletter versendet werden. Lübberstedt kann sich durchaus vorstellen, dass bald weitere Zeitungen das eBook unterstützen: "Aber dafür braucht das Gerät noch eine größere Verbreitung und muss komfortabler zu bedienen sein."

Damit elektronische Bücher ernsthaft mit den Printmedien konkurrieren können, muss sich noch viel ändern: Obwohl das Kaufen und Laden der Titel kinderleicht und schnell geht, ist das eBook zu schwer, ihm fehlt eine vernünftige, farbige und hochauflösende Bilddarstellung und vor allem: es ist zu teuer. Ein integriertes Modem würde den Zwischenschritt über den PC unnötig machen, auch das bescheidene Titelangebot lockt nur bedingt zum Kauf. Die neue Generation wird über den kometenhaften Aufstieg des Raketenbuchs oder über ein weiteres Dahindümpeln als Technik-Exot entscheiden.

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