Rockmusik : Die Akkordarbeiter

17000 jubeln ihnen heute in Berlin zu, Eltern werden in das Konzert gehen und Kinder auch – doch dass alle sie mögen, macht der Band Die Ärzte auch Sorgen

Torsten Hampel

Das ist also der Mann, dessen Werk teilweise von Amts wegen verboten ist. Er kommt gerade vom Tischtennisspielen. Setzt sich auf einen kargen Holzstuhl, die feinen Hände legt er auf dem Tisch vor sich ab, in einem Kellerzimmer unter einer riesigen Mehrzweckhalle in Hamburg. An der Decke nörgelt eine Leuchtstoffröhre. Ein Becher mit Tee ist auch noch da. Der Mann spricht zwar ununterbrochen, aber so, wie die Höflichen und Bescheidenen es tun.

In einer der amtlichen Verbotsverfügungen steht: „Es entlässt den Zuschauer im Zustand angespannter, latenter Aggressivität.“ „Es“ ist ein Lied.

Jan Vetter, Künstlername Farin Urlaub, Sänger, Liedschreiber, Gitarrist der Rockgruppe Die Ärzte, geboren 1963 in Berlin-Moabit, Einschulung mit fünf, erste Gitarre mit neun oder zehn, gefunden auf dem Sperrmüll. Hellgelbes Haar, es steht nicht mehr ab wie früher, es ist nach hinten gelegt. Gleich wird er vor 15000 Menschen singen, 13-Jährige und welche, die dreimal so alt sind, er muss ein paar Schritte gehen vorher, einen Gang entlang, Glastür, dann rechts, Eisentür, dann links, Bühne. Und ein paar Tage später, es wird der heutige Freitag sein, vor 17000 Menschen in Berlin in der Parkbühne Wuhlheide, den Tag danach auch und den danach wieder. Die Karten dafür sind weg seit letztem Herbst.

Es kann sein, dass Die Ärzte die erfolgreichste deutsche Rockgruppe sind. Ganz genau zu messen ist das nicht, man müsste die Zahlen aller jemals verkauften Eintrittskarten addieren, vor allem aber die der verkauften Alben. 18 haben sie gemacht, so viel ist klar. Über 700 Konzerte, über 20 Tourneen, über 30 Singles, eine drei Kilo und 100 Gramm schwere Biografie. Die Verkaufszahlen verraten Die Ärzte aber nicht. Die Plattenfirma tut es auch nicht. Sie gehört ihnen. Wer Jan Vetter nach Zahlen fragt, der bekommt zu hören, er sei kein Buchhalter.

Er sitzt im Kellerzimmer am Holztisch und sagt stattdessen: „Die Tour ist beängstigend.“

Ende 1981 standen zwei junge Männer an der Bushaltestelle vor dem Rathaus Spandau, das Haus ist ein mächtiger Quader mit einem Turm oben drauf. Die beiden spielten in einer Band, sie kamen gerade aus dem Übungsraum. Der junge Jan Vetter musste mit dem Nachtbus heim nach Frohnau, ganz rauf in den West-Berliner Norden. Der andere wohnte nicht weit von der Haltestelle entfernt und wartete wie oft mit ihm auf den Bus. Der andere ist Dirk Felsenheimer. Künstlername Bela B., Sänger, Liedschreiber, Trommler. Geboren 1962 in Berlin-Spandau, Realschule, in der neunten Klasse Bewerbung bei der Polizei, Eignungstest bestanden, Ausbildung nach zwei Wochen abgebrochen, dann Lagerarbeiter, dann Dekorateurlehre bei Hertie. In der Nacht vorm Rathaus beschlossen sie, Schluss zu machen mit der Band und mit einer neuen anzufangen. Im Frühjahr 1982 klebten kleine Adressaufkleber überall in West-Berlin. „Bald: die unvergleichlichen, egomanen, kerzengraden … Ärzte!“

Eineinhalb Jahre später gewannen sie den Senatsrockwettbewerb. Vom Preisgeld hat Vetter sich seine erste richtig teure Gitarre gekauft. Steuergeld für Rockmusik. Es gab auch einen Rockbeauftragten beim Berliner Senat. So war das damals.

Nachher also 15000 Hamburger. Leute, die mit ihren Autos schon Stunden vorher die Parkplatzwiesen vor der Mehrzweckhalle voll gestellt haben. Viele Autos sind dekoriert, auf einem hellblauen VW-Bus steht „Friedenspanzer“, das ist ein Ärzte-Lied, auf einer Opel-Corsa-Heckscheibe klebt das Wort Rebell, auch ein Lied. Die Leute ziehen sich um in den Autos, manche haben sich am Vormittag die Haare bunt gefärbt.

Jan Vetter hat schon vor sechs Jahren von der „maximal erträglichen Akzeptanz“ gesprochen und davon, wie glaubhaft Rebellion noch sei, wenn sich alle irgendwie auf einen einigen können, wenn man von den Kindern und den Eltern gut gefunden wird. Rockmusik, vor allem die Art Rockmusik, die Die Ärzte machen, war ja einmal Rebellion. Die Musik heißt Punk. Damals vor sechs Jahren, als Vetter so nachdenklich wurde, ist ihnen gerade ein Lied verloren gegangen. Es hat die Besitzer gewechselt, es gehört den Ärzten nicht mehr. „Männer sind Schweine“ heißt es. Das Lied wurde rasch in Bierzelten gesungen, auf dem Münchner Oktoberfest zum Beispiel. Von den Falschen, sagen die Ärzte.

Noch so ein Fall: Ole von Beust, Bürgermeister von Hamburg, der Stadt, in der Farin Urlaub, Bela B. und ihr Bassist Rodrigo Gonzalez an diesem Tag auftreten, hat einmal öffentlich gesagt, dass eines seiner Lieblingslieder von ihnen sei. Jan Vetter regt sich jetzt auf, über die Hamburger, für die Beust mittlerweile wieder ein Liebling sei, wie vergesslich die Leute doch seien, Beust habe doch Ronald Barnabas Schill in die Regierung geholt und zum Innensenator gemacht. Und dann sagt Vetter den Satz: „Die haben Menschen wie Vieh behandelt.“ Er sagt ihn laut und zornig und mit so viel Mitgefühl, wie nur hineinpasst in den kleinen Satz. Man bekommt den Eindruck, wenn Vetter jetzt 20 wäre und nicht 40, würde er losheulen. Er meint Sachen wie die mit dem Hamburger Drogenhändler, der gestorben ist, nachdem ihm die von Schill geführte Polizei ein Brechmittel verabreicht hatte.

Die Ärzte haben sich die Hamburger Schill-Zeit aus der Nähe anschauen können, Dirk Felsenheimer wohnt seit Jahren hier, Vetter nicht weit entfernt, in einem Dorf in der Lüneburger Heide.

„Es ist ein ganz kleines Dorf, die interessieren sich da nicht für mich.“

Pferde?

„Pferde wäre gemein, die müssten ja jeden Tag geritten werden.“

Er ist ja oft weg.

Dabei haben sich Die Ärzte alle Mühe gegeben, von der falschen Seite eben nicht akzeptiert zu werden. Eine sexuelle Anspielung jagt die andere, in den Liedtexten, bei den Ansagen im Konzert, wobei: Das sind keine Anspielungen, deutlicher geht es gar nicht. Bis übers maximal Erträgliche hinaus.

1987 kam der Brief von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, „Entscheidung Nr. 2778 vom 27.01.1987, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 21“. „Einstimmig beschlossen: … Titel Nr. 5 ,Geschwisterliebe’ … wird in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen.“ Ein halbes Jahr später kamen noch zwei Lieder dazu.

Sie sind nicht komplett verboten, sie dürfen nur bis heute nicht an unter 18-Jährige verkauft werden. Das Radio darf sie nicht spielen, und in den Konzerten sollten sie besser auch nicht vorkommen. In „Geschwisterliebe“ geht es um Inzest, im zweiten Lied um Sexualität mit Tieren, um Sodomie. Das dritte heißt „Schlaflied“, und ein Monster kommt darin vor. Das ist das Lied mit der latenten Aggressivität.

Es gibt ein Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften, es ist von 1953, ein Jahr später wurde die dazugehörige Bundesprüfstelle eingerichtet. Bei der kann jeder Verdächtiges melden, die Prüfstelle muss dann prüfen. Im Fall der Ärzte war sie gewissenhaft, sie hat die Lieder ernst genommen. Möglich, dass sie Musik ein wenig überschätzt.

Die Ärzte wollten einen Witz machen und vielleicht auch ein paar Leute ärgern, sie waren jung.

Deshalb haben sie „Geschwisterliebe“ eine Zeit lang weiter auf ihren Konzerten gespielt, als Instrumentalversion, ohne Text. Den haben dann die Zuschauer gesungen. In der Stadthalle Kleve im Jahr 1988 auch. Es gab eine Anzeige, es gab ein Gerichtsverfahren und ein Urteil, und seitdem sind die Ärzte vorbestraft. 1000 Mark musste jeder von ihnen zahlen damals. Berechnungsgrundlage war ihr vom Gericht geschätztes Monatseinkommen, 1500 Mark. Das war schon damals viel zu wenig.

Das Konzert. Mittendrin, das Lied „Schrei nach Liebe“ ist vorbei, es ist das Lieblingslied der meisten hier, ein Gegen-Nazis-Lied, hält Jan Vetter eine Rede. Es ist der Mittwoch vor der Europawahl, seine Haare stehen jetzt wieder ab, er sagt ins Mikrofon: „Ihr faulen Säcke, ihr geht wählen, klar? Sonst besuchen wir jeden Einzelnen von euch zu Hause“, und er führt aus, was dann für eine Strafe drohe. Es ist etwas Drastisches, mit Fäkalien. Draußen am Verkaufsstand hängen T-Shirts. Auf einer Sorte davon steht: „Es ist nicht deine Schuld, wenn die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

Es ist die Abwandlung eines Satzes von Karl Marx. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern“, hat der einmal geschrieben.

Mit dem Erfolg sind Die Ärzte eine Art Erziehungsanstalt geworden. Vielleicht ist das der Grund, warum die Eltern mit ihren Kindern hierhin gehen.

Wenn er einem Ahnungslosen, einem Einwanderer zum Beispiel, Die Ärzte erklären müsste, was würde Jan Vetter dann sagen? „Wir sind offenbar die einzige deutsche Band, die ausschließlich macht, was sie will“, hat er vorhin im Kellerzimmer gesagt. Niemand rede ihnen rein. „Tagesaktuelles in Liedern unterzubringen, interessiert uns nicht, wir versuchen eher, über Grundsätzliches zu singen.“ Dann ist er aufgestanden, es war viertel vor sieben, er müsse jetzt, sich umziehen und so.

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