ROCKTravis : Auf dem Boden der Tatsachen

Jörg W er
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Nur mal angenommen, die Sache wäre andersherum gelaufen: dann wären Travis jetzt Superstars und eine der erfolgreichsten Bands der letzten 20 Jahre. Sänger Fran Healy würde an der Seite einer weltbekannten Schauspielerin ein Jetset-Leben zwischen Paparazzi-Hetzjagden und dem nächsten Benefizkonzert mit Bono und Bob führen. Coldplay hingegen wären sympathische Has-Beens, die mal an der Schwelle zum Pop-Olymp standen und es sich dann anders überlegt haben. Oder von ehrgeizigeren Nachfolgern beiseitegedrängt wurden. Und Sänger Chris Martin würde mit seiner deutschen Freundin unbehelligt von der Regenbogenpresse in einem Berliner Szenebezirk leben.

Schwer vorstellbar? Tatsächlich ist Coldplay die Band geworden, die Travis hätte sein können: Mit ihrem zweiten Album „The Man who“ 1999 entwarfen sie die überaus erfolgreiche Blaupause für den Heulsusen-Bombastpop des frühen 21. Jahrhunderts. Aber tief im Herzen waren die melancholischen Schotten keine Stadionrocker, weswegen sie mutwillig oder fahrlässig mit jeder neuen Platte ein wenig von ihrem kurzlebigen Ruhm verspielt haben. Bis hin zur aktuellen „Ode to J. Smith“, die Travis fast wieder auf dem Boden der Tatsachen ankommen lässt, von dem sie vor 13 Jahren mit ihrer in Kleinstauflage erschienenen Debütsingle abhoben. Die hieß nicht zufällig „All I want to do is rock“: Genau so klang das an ihre Landsleute The Jesus And Mary Chain erinnernde Meisterwerk auch. Wenn Travis jetzt wieder an diese Tugenden anknüpfen, mag das nicht mehr die ganz großen Hallen füllen, ist für Dabeigebliebene aber eine späte Genugtuung. Jörg Wunder

Huxleys Neue Welt, Fr 6.2., 21 Uhr, 25 € + VVK

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