Zeitung Heute : Röhre Wohnen in der

Es ist stürmisch dort, einsam und eng. Da sind zwei Dinge wichtig: Herd und TV-Gerät. Über das ungewöhnliche Leben im Leuchtturm.

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Von Susanne Kippenberger Der Schotte wusste genau, was er werden wollte: Leuchtturmwärter oder Astronaut. Da war Peter Hill fünf Jahre alt. Heute, 47 Jahre später, ist er Künstler und Kritiker, Schriftsteller und promovierter Leuchtturmwärter a.D.. In Glasgow geboren, lebt er inzwischen am entgegengesetzten Ende der Welt; im Land seiner Sehnsucht, in Tasmanien, hat er seine Frau gefunden, und an der Universität von Melbourne unterrichtet er Kunst, in Theorie und Praxis. Und jedes Jahr reist der Direktor des ersten Museums ohne Grenzen, dem fiktiven „Museum of Contemporary Ideas“, einmal um die Welt.

Diesmal hat er auf dem Weg nach Schottland kurz Halt in Berlin gemacht. Im Schöneberger Café bestellt Peter Hill Kaffee ohne Koffein, der echte ist ihm zu stark. Ein kleiner, freundlicher Mann, hat der 52Jährige so gar nichts von einem schottischen Seebären an sich. Damals erst recht nicht: 1973 sah er so aus, wie man als Vietnamkriegsprotestierender Kunststudent in Dundee gern aussah, lange Haare, die Jeans kunstvoll zerfleddert. Hill wollte Geld verdienen und träumen, Haikus schreiben und Jimi Hendrix hören, und er fand, dass es keinen besseren Ort dafür gebe als einen Leuchtturm im Meer. Da war er dem Himmel fast so nah wie ein Astronaut. „Sternengucker“ hat Hill denn auch seine Erinnerungen an die Zeit als Aushilfsleuchtturmwärter genannt, die jetzt erschienen sind.

Ein halbes Jahr lang verbringt Hill an wechselnden Orten in der schottischen See. Es ist eine merkwürdige Welt, in die er gerät, und in der er offenbar mit offenen Armen empfangen wird. Eine Welt ohne Grenzen. Der Arbeitsplatz ist zugleich Zuhause; wobei der eigentliche Wohnbereich meist nicht in, sondern neben dem Turm liegt, in kleinen Cottages. Mit drei Männern lebt Hill auf engstem Raum, für Wochen isoliert von der Welt. Aber einsam, sagt er, habe er sich dort nie gefühlt. Einsam sei er in London gewesen, wo er nach dem Kunststudium ein Jahr lang lebte. Auch einen Gruppenkoller hat er nicht bekommen. Zwischendurch zieht sich jeder zurück, soweit es Rückzugsmöglichkeiten gibt, pflegt sein Hobby, das im Leben eines Leuchtturmwärters so überlebenswichtig zu sein scheint wie der Rettungsring: Bibellesen, Kreuzworträtselraten, Wäscheklammernbasteln.

Klein und karg war sein Zimmer, erzählt der Künstler, wie die anderen hat er es eigentlich nur zum Schlafen genutzt. Die Aquarelle, die er auf der winzigen Insel malte, hing er hier an die Wand – das Äußerste an Dekoration, was man in einem Leuchtturm finden kann. Sonst irgendwas Persönliches? Hill überlegt, ist selbst überrascht: Nein, gab es nicht, schon gar keine Möbelstücke. Wie sollten die auch übers Wasser kommen? Und nach einem Monat müssen die Wärter ihre Zimmer sowieso wieder räumen, dann haben sie einen Monat Landgang, und die Ablösung zieht ein. Es sei denn, ein Sturm weht so heftig, dass das Boot nicht anlegen, der Hubschrauber nicht landen kann. Hält der heftige Wind länger als vier Tage an, sitzen die Wärter fest: Dann wird der ganze Schichtwechsel abgeblasen. Bis zum nächsten Monat.

Das eigentliche Leben spielt sich in der Wohnküche ab. Herd und Fernseher sind offenbar die wichtigsten Möbelstücke in der Männer-WG. Im Leuchtturm wird nicht gegessen, sondern geschlemmt, Gemüsesuppe mit Brot, Lammbraten mit Reis, Apple Crumble mit Vanillesauce, alles selbst gemacht. Hummer und Krabben werden selbst gefischt, Erbsen und Kartoffeln im Gemüsegarten angebaut. Leuchtturmwärter (und nicht nur die, die Hill getroffen hat) müssen geschickte Handwerker, aber auch gute Hausfrauen sein. Und das offenbar mit Vergnügen. Selbst das Spülen, Abtrocknen und Wegräumen wird zum geselligen Event. Dabei putzt man auch deshalb so gründlich, damit keine Langeweile aufkommt. Denn es gibt wenig Abwechslungsmöglichkeiten, kein Kino, keinen Laden, keinen Pub, nicht mal Alkohol. Nur Pfeifentabak. Und jede Menge Zeit. Außer zum Schlafen.

Noch heute hat Peter Hill das Ticken der Uhren im Ohr, Standuhren, Wanduhren, die Leuchtturmwärter leben nach der Uhr. Alle vier Stunden ist Schicht, das heißt auch, dass sie nie länger als ein paar Stunden schlafen, die Müdigkeit nie vergeht. Die Uhr diktiert den Tag, nur: Die innere Uhr läuft anders. Damit die Zeit nicht lang wird, muss man sie dehnen. Auch deshalb wird hier so gründlich geputzt. Auf Anraten eines erfahrenen Kollegen entdeckt der junge Aushilfswärter ganz schnell die Langsamkeit. Denn wenn er zügig spazieren geht, hat er in fünf Minuten die Insel umquert.

Dabei hat Hill Glück, dass er auf einer Insel und nicht einem Felsen gelandet ist. Die Leuchttürme mitten im Meer, ohne Land drumherum, das sind die härtesten. Nie können die Wärter einen Fuß vor die Türe setzen, nur mal die Nase aus dem Fenster strecken. Sie wohnen übereinander gestapelt, die Wendeltreppe führt schon mal durchs Schlafzimmer durch. Und wie heftig der Wind da tobt, kann man in dem Film „Die Frau des Leuchtturmwärters“ erleben, der seit dieser Woche im Kino läuft.

Nach einem halben Jahr als Aushilfswärter wird Peter Hill gefragt, ob er aus dem Job keine Profession machen wolle. Nach reichlichem Überlegen lehnt er ab: Er will aufhören, solange es noch Spaß macht. So wie Hill jene Zeit Jahrzehnte später schildert, in seinem Buch ebenso wie im Gespräch, waren es große Abenteuerferien. Probleme und Gefahren, Selbstmord und Totschlag, all das kennt er nur aus Geschichten.

Was passiert, wenn die Sommerferien zu Ende sind, erzählt Tony Parker in seinem 1975 erschienenen Buch „Lighthouse“, einem bewegenden Stück britischer Sozialgeschichte. Parker hat eine ganze Reihe von englischen Leuchtturmwärtern besucht, die einen anderen Rhythmus als die Schotten pflegen: zwei Monate Arbeit in der Isolation, ein Monat Landgang. Er hat lange gelebt und geredet mit ihnen, aber auch ihren Familien. Gerade in seiner nüchternen Erzählweise ist das Buch, das zum größten Teil aus Gesprächsprotokollen besteht, ein sehr berührendes Werk.

Nicht alle Männer, mit denen Parker redet, sind so lustige Käuze, wie die, die der junge Kunststudent Peter Hill trifft. Einer zum Beispiel nutzt die trockene Zeit auf dem Turm zum Ausnüchtern, um sich in den vier Wochen danach jeden Tag volllaufen zu lassen. Parker erzählt auch, dass es nicht das Abenteuer ist, das viele Leuchtturmwärter reizt an ihrem Job, sondern das Gegenteil: die Sicherheit. Die Männer sind praktisch unkündbar, bekommen ein festes Gehalt, eine sichere Pension und ein Zuhause für sich und die Familie.

In „Lighthouse“ liest man auch von dem zweijährigen Härtetest, den jeder angehende Profi durchlaufen muss: Zwei Jahre lang wird er von Leuchtturm zu Leuchtturm geschickt, um zu lernen, nicht nur, wie man die Lichter anzündet und wartet, wie man Wege pflastert, Hummer fischt und Hosen flickt, sondern auch und vor allem, wie man mit den unterschiedlichsten Temperamenten auf so engem Raum zusammenlebt.

All das ist inzwischen Geschichte. Was sich in den 70er Jahren schon abzeichnete, ist heute Wirklichkeit: Fast alle Wärter sind pensioniert, die Türme automatisiert. Der Kölner Filmemacher Andreas Simon hat für eine Dokumentation die Allerletzten ihrer Zunft besucht, in England, Norwegen und Italien. In Apulien hat er sogar eine Wärterin gefunden. Nach der Scheidung von ihrem Mann hat die Mutter einer erwachsenen Tochter sich vor Jahrzehnten schon ihren Traum erfüllt und ist auf ihren Leuchtturm gezogen, wo sie ganz alleine lebt. Allein, sagt auch sie, fühlt sie sich nie, sie hat doch ihre Hunde und Katzen, die Fischer in der Ferne, das Meer und die Rosen, mit denen sie muntere Gespräche führt. Und den Glauben, dass es jemanden gibt, der das alles erschaffen hat.

Heute sind Leuchttürme Folklore – und manchmal auch Hotels. Selbst in Deutschlands berühmtestem Turm, Roter Sand, kann man inzwischen nächtigen. Auch Hill hat Erfahrungen als Leuchtturmtourist, seine Frau hat ihm zwei Nächte in Cape Schank zum Geburtstag geschenkt. In Edinburgh wird Hill seinem Verleger sein neues Manuskript übergeben: Zwei Jahre lang hat er Leuchttürme in Australien, Neuseeland und im Pazifik besucht, die meist von Ehepaaren betrieben werden. Die Reise endet in Samoa, wo Robert Louis Stevenson neben einem Leuchtturm begraben liegt. Denn der Autor der „Schatzinsel“ kommt aus der berühmtesten Leuchtturmbauerfamilie der Welt. Einer schottischen.

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