Zeitung Heute : Römische Farbenlehre

Ab 17 Uhr 49 herrscht Konfusion vorm Vatikan. Ist der Rauch nun schwarz oder weiß? Der Countdown läuft, jeder Sender ist jetzt in Rom, fürs Papst-TV. Dann endlich: Sein Name fällt

Joachim Huber

Schwarz – oder doch weiß? Die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen wechseln ständig die Farbe, es ist ein hektisches Hin und Her, seit um exakt 17 Uhr 49 der erste Rauch aus dem Schornstein kräuselt. Um 17 Uhr 52 meldet sich die Agentur AP mit „Schwarzer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle“, um 17 Uhr 55 sagt die Deutsche Presseagentur „Weißer Rauch im Vatikan“, eine Minute später entscheidet auch die Katholische Nachrichtenagentur, es gibt einen neuen Papst, eine weitere Minute später schreibt AP nachdrücklich, nein, doch nicht. Die Fernsehsender rätseln mit, die Zuschauer ebenso. In die Spekulationen hinein läutet die große Glocke des Petersdoms. Gewissheit? Noch immer nicht, es ist punkt 18 Uhr, deswegen das Geläute. Die Spannung steigt weiter, der ARD-Reporter Michael Mandlik, ungünstig mit dem Rücken zum Petersplatz postiert, renkt sich fast den Hals aus, als er den Rauch farblich ausdeuten will.

In diese artistischen Bemühungen hinein läuten die Glocken Sturm. Die erste Gewissheit ist da: Die 115 Kardinäle haben den neuen Pontifex gewählt. Aber welchen? Eine Situation wie beim WM-Finale, erst Verlängerung, dann Elfmeterschießen. Die Sender sind präpariert, auf die Sekunde genau springt das Live-Fernsehen nach Rom.

Und wieder blühen die Spekulationen. Die Moderatoren und Experten wiegen die Häupter und die Worte, wer denn gewählt worden sein kann. Selten und nur geflüstert fällt der Name Ratzinger, mit spürbarer Anspannung wird vermieden, jetzt den falschen Papst auszurufen. Der Countdown läuft, die Bildschirme werden gesplittet: Studiogespräche, Totalen vom sich schnell füllenden Petersplatz in der einen Hälfte, rechts das noch geschlossene Fenster der Loggia im Petersdom.

18 Uhr 47: Alle Sender, auch die Privaten, sind längst zum Papst-TV umgeschwenkt, nur ein Bild – die Loggia. Gegen alle Gewohnheit fallen nur wenige Worte. Die Sensation ist da, Joseph Kardinal Ratzinger ist gewählt.

Im ersten Programm erst einmal Schweigen. Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk ist sichtlich ergriffen, ein Landsmann, ein Bayer (!) aus dem Dörfchen Marktl als Papst. Gottlieb, so scheint’s, fühlt sich gleich mit gewählt. Als Einziger hatte er zuvor die Sonne durch den grauen Himmel über Rom durchbrechen sehen, wo das Bild aufgespannte Regenschirme zeigt und die Reporter der anderen Sender auf Nieselregen erkennen.

Als der neue Papst auf den Balkon tritt, nimmt das Stimmengewirr an den Mikrofonen hörbar ab. Wie sieht er aus, freut er sich, was sagt Ratzinger? Er jubelt verhalten, sehr verhalten, er nimmt die Arme hoch, wirkt noch ein bisschen unbeholfen bei der großen Papstgeste, erleichtert auch, ja, da hat es einer zum katholischen Popstar geschafft.

Was auffällt: Das deutsche Fernsehen ist nicht überall katholisch gestimmt. Bei Sat 1, dem Privatsender aus Berlin, bleibt Anchorman Thomas Kausch selbst im Angesicht des „historischen Tags“ – das Wort will keiner unausgesprochen lassen – cool, während der Bayer Gottlieb und auch ZDF-Moderator Steffen Seibert sprechen, als würden sie überm römischen Boden schweben. Ulrich Wickert beweist erneut, dass er nicht live-sicher ist, so sehr stolpert er durch seine Moderation. Und die Privaten vergessen ihr Geschäft nicht: RTL mit dem souveränen Peter Kloeppel im katholischen Köln angesiedelt, schaltet Werbung, Sat 1, das als letzte Station nach Rom geschaltet hat, verabschiedet auch zuerst, für die Telenovela „Verliebt in Berlin“. Katholischsein mag eine tolle Sache sein, aber deswegen müssen doch nicht alle katholisch gemacht werden.

Wer als Deutscher, Gläubiger oder Tourist, auf dem Petersplatz steht, der wird als Augenzeuge gecastet. Die Freude ist spürbar, auch darüber, dass man jetzt nicht in Oberursel ist. So ganz überrascht von der „Sensation“ scheint das Öffentlich-Rechtliche von der Ratzinger-Wahl nicht zu sein, es zieht die Register der modernen Übertragungstechnik. Marktl kommt ins Bild: Alf Meier versucht im Regen irgendwie die Begeisterung der Marktler zu reportieren, in München ruft einer: „Ich freue mich sehr als Bayer.“

Was die ausländischen Sender wie CNN oder BBC sofort versuchen – die Frage: Was bedeutet diese Papstwahl? –, erreicht mit Verzögerung auch die deutschen Stationen. Biografische Ratzinger-Abrisse wechseln sich ab mit Wellen von Spekulationen, später von Reaktionen. Erstaunlich, wie viele Deutsche, namentlich Politiker, den Ratzinger in- und auswendig kennen. Mit dem Abstand zum Zeitpunkt der Wahl mischt sich erste Skepsis in die Stellungnahmen: Wohin geht die katholische Kirche mit Benedikt XVI.?

Nach „ZDF-spezial“ und dem ARD „Brennpunkt“ kommt der Rest des Fernsehpublikums zu seinem Recht. Das Erste schaltet zum Pokal-Spiel Schalke gegen Bremen. Es steht 0 : 0. Keiner hat etwas verpasst. Ein Zeichen des Himmels?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben