Zeitung Heute : Römischer Ernstfall

Immerzu beschwor der Vatikan die Gesundheit des Papstes. Nun ist er wieder im Krankenhaus

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Dass Unheil bevorsteht, das bekommen als Erste die wenigen Fachjournalisten mit, die „Vaticanisti“, die es im ungemütlichen, spartanischen Pressesaal des Heiligen Stuhls aushalten. Es ist Donnerstag, später Vormittag, über Lautsprecher wird die lang erwartete, „öffentliche“ Festsitzung der Heiligsprechungskommission eingespielt. Der Papst will den 482 Heiligen, die er in seiner Amtszeit bereits proklamiert hat, fünf weitere hinzufügen. Doch der Papst ist nicht da. Stattdessen – das hat es noch nie gegeben – liest KardinalStaatssekretär Angelo Sodano eine Erklärung ab. „Aus Gründen der Klugheit“, lässt Johannes Paul II. darin mitteilen, bleibe er der Sitzung fern.

Doch was keiner weiß, weder Bischöfe, noch Kardinäle, noch Journalisten: Fast genau zur selben Zeit, klammheimlich und überstürzt, wird der fast 85-jährige Johannes Paul II. in einen Krankenwagen geschoben, einen ganz normalen; nichts soll auffallen. Mit Blaulicht und Sirene geht es durch den dichten römischen Stadtverkehr die Hügel hinauf zur Gemelli-Klinik. Durch einen unbeobachteten Hintereingang bringen sie den Patienten nach innen. Und als wenige Minuten später Vatikan-Sprecher Joaquín Navarro-Valls den bohrenden Journalistenfragen nachgibt und von einem „Rückfall“ des Papstes spricht, da zerreißt endgültig der Schleier angeblicher „Normalität“, mit dem der Vatikan zuletzt den Gesundheitszustand des Pontifex zu verdecken versucht hatte.

Schon bei der Generalaudienz am Mittwoch hatten die nicht eben zahlreichen Pilger und Romtouristen den Papst in bisher unbekannter Form erlebt. Erstmals in mehr als 26 Jahren Amtszeit trat Johannes Paul II. den Gläubigen nicht unmittelbar gegenüber, sondern nur auf Videoleinwänden. Von seiner Privatbibliothek aus las er – live immerhin – eine sieben Zeilen kurze Predigt mit kaum verständlicher Stimme; nach jedem dritten Wort holte er schwer Luft. Gleichwohl machte sein Gesicht seit langem einen entspannten Eindruck. Die Augen wirkten groß und wach.

Die akute Kehlkopf-Luftröhren-Entzündung sei „geheilt“, hatte Vatikan-Sprecher Joaquín Navarro-Valls nach zehn Kliniktagen am 10. Februar kurz mitgeteilt. Zwei Tage früher als erwartet wurde der Papst aus dem Spital entlassen; in regelrechtem Triumphzug kehrte er durchs abendliche Rom in den Vatikan zurück – im ringsum verglasten Papamobil, statt im Krankenwagen. Eine kleine, panoramareiche Stadtrundfahrt hatte man für ihn eingeschoben, und dann war er, an überraschten, applaudierenden Menschen vorbei, quer über den taghell beleuchteten Petersplatz auf einer Art touristischem Umweg in seinen Apostolischen Palast gebracht worden.

Nach einer Woche hatte der Papst wieder angefangen, Audienzen zu geben. Am Sonntag zeigte sich Johannes Paul II. wie gewohnt am weit geöffneten Fenster seines Arbeitszimmers; die Vorstellung seines fünften Buches garantierte ihm weltweite Präsenz – von Krankheit redete im Vatikan niemand.

Immer enger, immer „schützender“ hat sich die polnische Gemeinde im Vatikan um ihren prominentesten Landsmann geschart: die in der Öffentlichkeit unsichtbaren Ordensschwestern, die den Papst betreuen, viel mächtiger aber Karol Wojtylas langjähriger Sekretär, den sie in Italien nur „Don Stanislao“ nennen, weil sie seinen Nachnamen Dziwisz nicht aussprechen können.

Dann gibt auch noch den Leibarzt des Papstes, den fast gleichaltrigen Renato Buzzonetti; dieser hat aber offenbar nur in Notfällen eine Stimme. Im Grunde entschieden letztlich die Polen – etwa darüber, wer zum Papst vorgelassen wurde; sie entschieden auch darüber, was der Vatikan nach außen trug.

Vor dem Rückfall des Papstes in die Krankheit waren selbst diese Mächtigen machtlos. „Dieselben Grippe-Symptome“ wie beim ersten Mal, so erklärt Sprecher Navarro-Valls, machten dem Papst zu schaffen – will sagen: schwerer, reißender Husten, Krämpfe in der Luftröhre. Aus dem katholischen Gemelli-Krankenhaus, wo der Papst den ausschließlich für ihn reservierten Trakt im zehnten Stock wieder bezogen hat, glauben Journalisten gehört zu haben, eine künstliche Beatmung sei nicht notwendig gewesen. Aber das hieß es auch schon Anfang Februar; so recht glaubt das keiner mehr, und am Donnerstag Abend spitzt sich die Lage zu: Im Gemelli-Krankenhaus hat sich das eilends eingerichtete Pressezentrum wieder mit Journalisten gefüllt; vor der katholischen Universitätsklinik haben wieder die Hundertschaften von Fernsehteams ihre Kameras in Stellung gebracht; Gerüchte schwirren, sie werden nicht einmal mehr dementiert – und gegen 22 Uhr bestätigt.

Ja, der Papst habe sich einem Luftröhrenschnitt unterziehen müssen, teilt Sprecher Navarro-Valls mit. „Voll und ganz gelungen“ sei die Operation. Nur 30 Minuten habe sie gedauert, um die Belastung durch eine Narkose für den 84-jährigen Patienten so gering wie möglich zu halten.

Ist Johannes Paul II. nun außer Gefahr? Achselzucken. Luftröhrenschnitte, erklärt eine Medizinerin „ganz allgemein und ohne die konkrete Situation des Papstes zu kennen“, würden vorgenommen, wenn die oberen Atemwege durch eine anders nicht behebbare Schwellung verlegt seien. In die Luftröhre werde „als eine Art neuer Atemweg“ eine gebogene Kanüle eingeschoben; „die bleibt dann drin und ermöglicht alle weiteren, notwendigen Behandlungen“.

Und – so dämpft die Frau die Befürchtungen, die derzeit in Rom umgehen: „Der Papst wird seine Stimme nicht verlieren. Mit einem speziellen Aufsatz kann er sogar sprechen.“ Das heißt? „Bestimmt kein Eingriff aus Jux und Tollerei, aber möglicherweise auch keine akute Lebensgefahr. Man könnte den Luftröhrenschnitt auch als Vorsorgemaßnahme deuten, damit der Kranke auf längere Sicht Ruhe hat vor weiteren Erstickungsanfällen, die ja immer auch mit akuter Todesangst verbunden sind.“

Doch während der Vatikan offiziell keine Stellungnahmen abgibt, erklärt Romano Prodi, der frühere EU-Kommissionspräsident, unter Verweis auf ein Telefonat mit Kardinal-Staatssekretär Sodano, er sei „tief besorgt“.

In den römischen Kirchen wurden am Donnerstag Kerzen für den Papst angezündet. Der Vertreter des Papstes als Bischof von Rom, Kardinal Camillo Ruini, hat seine Diözese zum Gebet „für unseren über alles geliebten Vater“ aufgerufen. Bei den Abendmessen wurde sein Appell lange und flehentlich verwirklicht. Vor den Absperrungen der Gemelli-Klinik liegen wieder die Blumensträuße. Die inzwischen berühmten Fenster im zehnten Stock sind hell erleuchtet.

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