Rola El-Halabi : Vaters Zorn

Sie lernte als Kind schon Boxen, und sie wurde erfolgreich. Aber dann lernte Rola El-Halabi einen verheirateten Mann kennen, was der Vater nicht billigte. Er schoss sie nieder. War es ein Ehrverbrechen? Ein Berliner Gericht sucht ein Urteil.

In die Seile geschickt. Rola El-Halabi im März 2010 im Kampf mit der US-Amerikanerin Mia St. John, den sie gewann, wie alle ihre Profikämpfe. Foto: Andreas Reiner
In die Seile geschickt. Rola El-Halabi im März 2010 im Kampf mit der US-Amerikanerin Mia St. John, den sie gewann, wie alle ihre...

In diesem Café in der Ulmer Fußgängerzone, haben sie sich zum ersten Mal getroffen: Peter Schmid, Psychotherapeut aus Biberach, und Rola El-Halabi, die Boxerin. Und hier sitzt Schmid jetzt wieder, über ein Manuskript gebeugt. In seiner Freizeit schreibt und inszeniert er Theaterstücke, sie sind dokumentarisch. Sein jüngstes heißt „Boxnacht“. Er hatte Rola El-Halabi als eine der Hauptfiguren vorgesehen. Deshalb befragte er sie.

Das war im Februar. Rola El-Halabi war da schon eine regionale Größe, Weltmeisterin in zwei Boxverbänden. Der Bürgermeister von Biberach hatte sie einmal eingeladen, als Vorbild für Migrantenmädchen. Schmid hat ihre Sätze, so, wie sie sie sprach, in sein Stück eingearbeitet. Er liest aus dem Manuskript vor: „Wenn ich in den Ring steige, ist es mir egal, ob eine Tigerin oder ein Elefant vor mir steht.“ Das sei so ein Satz. Schmid ist sich nicht sicher, ob es ihre eigene Wortwahl ist oder der Jargon, in dem sie sich unterhalten im Mekong Box Gym drüben in der Nachbarstadt Neu-Ulm, wo sie trainierte.

Einmal hat er dort mitgeboxt. Und am 1. April 2011 ist Schmid nach Berlin gefahren, wo Rola El-Halabi um die Weltmeisterschaft kämpfen sollte. Sie war die Favoritin. In ihrer Profikarriere hat sie jeden Kampf gewonnen. „Ich wollte die Atmosphäre des Sieges erleben“, sagt Schmid. „Das sollte die Schlussszene werden.“ Er hat das Stück umkonzipieren müssen.

Um 22 Uhr 50, zehn Minuten bevor Rola El-Halabis Kampf in der Trabrennbahn Karlshorst beginnen sollte, stürmte ihr Stiefvater mit einer Pistole in der Hand in ihre Kabine und schoss der Tochter in die rechte Hand, die schon in einem Boxhandschuh steckte, und in einen Fuß. Dann lud er nach und zielte ins Knie und den anderen Fuß.

Monate zuvor hatte Rola El-Halabi ihren ersten Freund gefunden. Der Vater wollte die Verbindung verhindern.

Ein Ehrverbrechen, wie sie von türkisch- und arabischstämmigen Migrantenfamilien durchaus auch in Deutschland verübt werden; von der extremsten Form, dem versuchten Ehrenmord, gibt es, dem Bundeskriminalamt zufolge, durchschnittlich zwölf Fälle im Jahr. Doch die Konstellation der aus dem Libanon stammenden Familie El-Halabi, die in diesen Wochen im Strafprozess gegen Roy El-Halabi vor dem Berliner Landgericht ausgeleuchtet wird, passt nicht ins gängige Muster dieses Verbrechens. Schon deshalb nicht, weil sich Rola El-Halabi mit ihrem Sport über das traditionelle Frauenbild ihres Herkunftslandes hinwegsetzte – und im Grunde über das Frauenbild des Westens gleich mit.

Boxen ist eine Männerangelegenheit, boxende Frauen galten als Kuriosum, bis 2001 Regina Halmich in einem Schaukampf Stefan Raab die Nase brach.

Roy El-Halabi schickte die Tochter zum Boxen, als sie acht Jahre alt war. Thomas Wiedemann, dem heute das Mekong Box Gym gehört, war ihr erster Trainer.

Eine ehemalige Lederfabrik in einem Gewerbegebiet von Neu-Ulm. An der Wand steht in altdeutscher Schrift „Lerne leiden ohne zu klagen“ und auf einem Tresen eine Sammeldose für die Katzenhilfe Ulm. Hier spitzte sich der Familienstreit zu, der in Berlin eskalierte. Wiedemann bittet in sein Büro, auf dessen Fußboden ein Ventilator und ein rußiger Bunsenbrenner stehen, an dem ein Schlauch befestigt ist. „Stört es Sie“, fragt er, „wenn ich mir eineWasserpfeife anmache?“

Wiedemann erzählt, wie Roy El-Halabi vor einer Trainingsstunde vor ihm stand, ein Mädchen in Sportkleidung an der Hand.

„Meine Rola wird in der Schule gehänselt“, habe El-Halabi gesagt. „Sie hat kein Selbstbewusstsein.“

Er habe geantwortet: „Ich bin kein Kindergarten, sei mir nicht böse.“

Doch schnell habe er gesehen, dass das Mädchen „motorisch super veranlagt“ war. Sie durfte mitmachen.

Rola El-Halabi trainierte als einziges Kind unter Männern, darunter viele Türsteher. Ein unorthodoxes Umfeld für ein muslimisches Mädchen, denn selbst die Grenzen zum Rotlichtmilieu waren fließend. „Man muss doch mal ehrlich sein“, sagt Wiedemann. „Vor den Klitschkos hätten Boxkämpfe gar nicht stattfinden können, wenn nicht die Zuhälter und ihre Damen die teuren Karten für die ersten Reihen um den Ring gekauft hätten.“

Roy El-Halabi hat die Tochter zum Training gebracht und abgeholt. Später hat er für sie die Kampfkleidung ausgesucht. Ein Rock mit einer Hose drunter hätte es sein müssen, sagt Wiedemann, und sei es ein Minirock mit silbernen Pailletten, wie Rola El-Halabi ihn beim Weltmeisterschaftskampf gegen die Spanierin Loly Munoz trug. Das war seine Konzession an die Tradition.

Das Verhältnis von Vater und Tochter beschreibt Wiedemann als „liebevoll und eng“. Roy El-Halabi habe Wert darauf gelegt, dass die Tochter Abitur macht. Er habe die Tochter nicht gedrillt, um selbst aufzusteigen. Dafür gibt es im Frauenboxen auch zu wenig zu verdienen, wenn man nicht Regina Halmich ist. Die Welt des Profiboxens für Frauen ist wenig glamourös. Rola El-Halabi musste sogar Geld bezahlen: Sie musste Gegnerinnen auf eigene Kosten einfliegen lassen, und sie musste sich bei den Organisatoren von Boxabenden einkaufen, um dort ihre Kämpfe auszutragen. Selbst für den Weltmeistergürtel verlangen die Verbände Geld.

Erst mit einer Anstellung bei einem Boxstall lohnt sich der Sport. Die hat Rola El-Halabi trotz ihrer beachtlichen Titelsammlung nie gefunden. Vielleicht weil sie aus dem kleinen Ulm kommt, aus der Boxprovinz. Vielleicht weil ihr eine vermarktbare Geschichte fehlt, wie sie Susi Kentikian hat, die auf dem Hamburger Flüchtlingsschiff Bibby Altona aufgewachsen ist.

Susi Kentikian durfte im Fernsehen kämpfen. Rola El-Halabi gewann ihre erste Europameisterschaft als Profi im Blautalcenter, einer Shoppingmall in Ulm. In dessen Foyer war ein Boxring aufgebaut worden. Die Boxerinnen kamen die Rolltreppe hinuntergefahren. Die Familie El-Halabi wohnt gleich gegenüber, in einem 50er-Jahre-Haus an einer Ausfallstraße. Dort war Wiedemann öfter eingeladen, es habe eine herzliche Atmosphäre geherrscht. Sie haben gegessen und Wasserpfeife geraucht. Das Wasserpfeiferauchen habe er von Roy El-Halabi gelernt.

Im vergangenen Sommer verschlechterte sich das Klima in der Familie dramatisch. Rola hatte sich verliebt, in Kosta, einen Griechen, der auch im Mekong Box Gym trainierte. Nie zuvor hatte Rola einen Freund, dabei war sie schon 25. Thomas Wiedemann erinnert sich, wie er und Roy El-Halabi häufig gemeinsam hier in seinem Büro saßen und er für Kosta warb: Der sei ein netter Kerl. „Der Roy hätte gerne etwas anderes gehört.“

Er habe sich nicht an der Nationalität des Freundes der Tochter gestört, sagt Roy El-Halabi vor Gericht. „Meine besten Freunde sind Griechen.“

Roy El-Halabi ist ein bulliger Mann, der einen gestutzten grauen Bart trägt. Vor ihm auf der Anklagebank liegt aufgeschlagen ein Ordner mit den Prozessakten. Sein Problem sei gewesen, dass der neue Freund verheiratet sei. Er habe nicht billigen wollen, dass die Tochter eine Ehe zerstöre. „Du bist charakterlos und skrupellos“, habe er zu ihr gesagt. „Meinen Segen hast du nicht.“

Roy El-Halabi machte der Tochter nicht nur Vorwürfe, er drohte ihr, bis die Mutter und seine beiden erwachsenen Töchter ihn vor die Tür setzten. Schließlich geriet er außer sich. So stellt er es selbst dar: als eine Tat im Affekt. „Ich war nicht mehr ich.“ Der psychiatrische Gutachter dagegen glaubt, dass Roy El-Halabi das Verbrechen sogar „von langer Hand geplant“ habe. Es stehe außer Frage, dass Roy El-Halabi mehrmals drohte, Rola und Kosta „zu Krüppeln“ zu machen. Demzufolge war es ein angekündigtes Verbrechen. Doch niemand schien die Ankündigung ernst zu nehmen, außer der Tochter.

Im Zeugenstand sitzt ein schmaler arabischer Mann, der sehr freundlich wirkt. Es ist der Cousin von Rola El-Halabis Mutter. Roy habe einmal gesagt, berichtet er, dass er Rola und Kosta in die Füße schieße, wenn er sie zusammen sehe. „Im Wutzustand sagt man manchmal solche Sachen“, fügt er hinzu. Der Cousin versuchte, den Familienstreit zu schlichten. Er hatte sich wenige Wochen vor der Tat noch einmal mit Roy El-Halabi in einem Café getroffen. „Roy schien sehr mitgenommen. Am Herzen verletzt. Ich riet ihm, er müsse eine Therapie machen.“

Einer kündigt ein Ehrverbrechen an. Sein Vertrauter rät ihm zur Therapie.

Es ist keine Parallelgesellschaft, in die man vor dem Gericht in Moabit Einblick nimmt, kein verschworener Clan, der Ehrverbrechen gemeinhin billigt. Roy El-Halabi lebte voll integriert inmitten eines vermischten Kleinstadtmilieus. Auch Mark Dorfmüller, Rolas Ringarzt, war sein Freund. Dorfmüller erinnert sich an ein Gespräch, bei dem er zu Roy El-Halabi sagte, dass er die Entscheidung der Tochter hinnehmen müsse: „Ich sagte, ,du musst an dir arbeiten’. Er sagte, er wolle an sich arbeiten. Der kämpfte mit sich, wollte ja, konnte nicht.“ Er habe, sagt Dorfmüller, Roy El-Halabi immer als „besonnenen Menschen“ erlebt. Deshalb sei er völlig konsterniert gewesen, als Roy El-Halabi in der Kabine in Karlshorst mit einer Pistole vor ihm stand und ihn rausschickte.

20 Minuten hatte sich Roy El-Halabi mit der Tochter in der Kabine verbarrikadiert. Rola El-Halabi schildert vor Gericht, dass ihr der Vater dort „nicht fremd“ gewesen sei. Er habe selbst von sich gesagt, dass er, wenn er austicke, nichts mehr wahrnehme. „Der einzige Mensch, der ihn in solchen Situationen beruhigen konnte, war ich.“ Sie versuchte auch diesmal, den Vater zu besänftigen. Sie saß am Boden in einer Blutlache und sprach permanent auf ihn ein. Sie redete ihm sogar aus, sich selbst das Leben zu nehmen: Er müsse doch an seinen Sohn denken, der erst zehn sei. Rola El-Halabi wirkt selbstbewusst, sie spricht sehr konzentriert. „Ich war mehr mit ihm beschäftigt als mit mir.“

Schließlich legte Roy El-Halabi die Waffe weg und rief: „Bringt bitte einen Arzt mit. Ich habe meiner Tochter wehgetan.“ Er weinte und bat sie um Verzeihung.

Zwei Monate hat Rola El-Halabi seitdem in Krankenhäusern verbracht, einige Wochen im Rollstuhl. Jetzt kann sie wieder laufen, ohne zu hinken. Nur der Mittelfinger ihrer rechten Hand ist noch nach vorne gekrümmt. Sie kann die Hand nicht zur Faust ballen. Ihr Arzt glaubt, dass es dennoch gut möglich sei, dass sie wieder boxen könne.

Die Richter hatten den Mediziner geladen. Wahrscheinlich weil das Strafmaß davon abhängt, wie verhängnisvoll sich die Schüsse des Stiefvaters erweisen. Das Urteil soll am kommenden Montag fallen. Der Staatsanwalt plädierte für eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und zehn Monaten. Es habe nicht bewiesen werden können, ob Roy El-Halabi tatsächlich den Plan hatte, auf die Stieftochter zu schießen. Der Anwalt von Rola El-Halabi, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt, fordert acht Jahre. Sie verzeiht ihm nicht.

Vor dem Gerichtssaal wird Rola El-Halabi von Kosta abgeholt, der mittlerweile ihr Verlobter ist. Mit gesenktem Kopf läuft sie an den Journalisten vorbei. Sie hat einen Exklusivvertrag mit einer Fernsehproduktionsgesellschaft. So gibt es nur Gerüchte, wie es mit ihr weitergeht. Es heißt, dass der Sauerland-Boxstall sie verpflichten wolle.

Eine Zeitung schreibt, dass sie im kommenden Jahr in der ARD auftreten solle. Für ihren ersten Kampf, der für den Winter kommenden Jahres angesetzt sei, gebe es bereits einen Vorvertrag mit Sat 1. Sie könne dafür eine halbe Million Euro bekommen, auch wenn sie verliert, denn ob sie es schafft, mit der Weltspitze mitzuhalten, ist fraglich. Im Boxen fließen mitunter hohe Summe auch an Besiegte.

„Boxerin boxt sich nach oben. Den Kampf schaut sich jede Hausfrau an“, sagt Thomas Wiedemann. Rola El-Halabi hat jetzt eine Geschichte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar