ROLF DIETER BRINKMANN „Keiner weiß mehr“ : Das Elend von Vechta

Foto: ullstein bild

Die Unwirtlichkeit, die ihm begegnete, empfand er als total. Rolf Dieter Brinkmann (1940- 1975) öffnete in Köln, wo er wohnte, die Augen und sah die Todesverfallenheit von Rom. Er reiste durch die USA und spürte das Elend von Vechta, seiner Geburtsstadt im Oldenburger Münsterland. Schmutz, Trägheit, Unberührbarkeit, wohin er schaute, dazu „kaputter Himmel, kaputtes Tageslicht“. Dafür sammelte er Beweise, in einem unverwechselbaren Sound. Seine Lyrik lebte von einem düsteren Stakkato der Schnitte, aus Zitat-Einsprengseln und einem Strom von Überblendungen, unendlich zerklüftet im Schriftbild der späten Langgedichte von „Westwärts 1 & 2“, bei der Prosa in absatzlose Textblöcke hineingepresst. „Überall diese elenden Kontrolleure“, tobte er: „Ihr blöden Narren! Ihr kleinen Wichtelmännchen!“ Je mehr er sich umstellt fühlte von Polizisten, Redakteuren und Lektoren, desto genauer wusste er: Dies ist nicht mein Land.

Unter der Leitung von Lasse Koch erinnert nun eine Gruppe von Bühnenkünstlern an Brinkmanns ersten und einzigen Roman „Keiner weiß mehr“, in dem sich schon die ganze Welt des um seine schriftstellerische Existenz ringenden Dichters spiegelt. Mit Lust an Obszönitäten erzählt er von einem Kleinfamilienidyll kurz vor der Explosion – nicht ohne auf Brinkmanns eigene Erfahrungen zurückzugreifen. Mit von der Partie sind Christiane Rösinger, Peter Thiessen von der Band Kante, die Zwillinge Sandra und Kerstin Grether von Doctorella, Carsten Hellberg, einst Gitarrist von Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, sowie die Schauspieler Robert Stadlober und Julia Hummer. Gregor Dotzauer

Festsaal Kreuzberg, So 12.8.,

20 Uhr, 13 €

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