Zeitung Heute : Rolf Dittmeyer: Früchte des Lebens

Thomas Loy

Eigentlich wollte er diese Woche auf eine Plantage fahren, nach Spanien oder Frankreich. Einfach weitermachen wie bisher. Sich um alles selber kümmern. Dann ist er doch geblieben, zu Hause in Hamburg-Rissen, in seiner großen reetgedeckten Villa, in der sich seine Frau und ein Gärtner um alles kümmern. Später will er ein bisschen umherfahren, mit dem Auto, irgendwohin. Den Kopf ausschütteln. Einfach mal schauen, Gedanken begrüßen und gleich wieder verabschieden.

Aber das ist nicht so einfach für einen, der das Leben als Ereigniskette versteht, in die Menschen wie Zahnräder eingreifen müssen, damit die Kette nicht ins Leere läuft. Rolf H. Dittmeyer fügt die flachen Hände aneinander, legt seine hanseatische Nase hinein und spricht Ungewohntes zu sich. "Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht."

Vor einigen Tagen geriet die heile Welt des Onkel Dittmeyer aus den Fugen. Seine Valensina-Saftproduktion in Bremen, gerade erst ins Laufen gekommen, musste Insolvenz anmelden. "Dittmeyer ist pleite", tröteten die Agenturen durchs ganze Land. Stimmt ja gar nicht, sagt Onkel Dittmeyer trotzig. Pleite sei er noch lange nicht. Nur ein paar Millionen habe er verloren. Ungefähr zwölf sind es wohl. Es können aber auch noch mehr werden. "Schlimm ist das", sagt er einmal, ein anderes Mal: "Eigentlich ist es gut für mich." Auf jeden Fall ist es neu und in seiner Art auch sehr bedrohlich.

Diesmal blieb es Wahnsinn

Vor drei Jahren, als er die Marke Valensina vom amerikanischen Lebensmittelriesen Procter & Gamble zurückkaufte, strotzte er noch vor Zuversicht. Mit 77 Jahren wollte er seiner Parade-Marke zu neuem Ruhm verhelfen. Sein Sohn hatte ihn gewarnt, doch Dittmeyers Lebenserfahrung gab wie immer den Rat: Gerade wenn alle es für Wahnsinn halten, musst du es machen. Diesmal blieb es Wahnsinn.

"Ich bin der Hauptschuldige", sagt Dittmeyer ohne Zögern. "Ich war zu alt." Die Kraft, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, konnte er nicht mehr aufbringen. Das Leben im Hotel, die Hektik des Reisens, die klimatischen Turbulenzen - da streikt sein biologischer Apparat inzwischen regelmäßig. "Ich komme einfach nicht mehr raus aus Hamburg." Doch es gab auch andere Gründe, warum sich das Geschäft nicht so schnell entwickelte wie vorgesehen. Innovationen konnten nicht vorangetrieben werden, weil die Mittel fehlten, auch störte der Druck von Billiganbietern zunehmend das Geschäft.

Eine Niederlage, ein Flop, weiß Gott nicht zum ersten Mal. Schlimm ist nicht das Scheitern selbst, sondern sein Zeitpunkt. Jetzt, mit 80, kann er sich nicht mehr aufrappeln und neu anfangen. Die Rolle des unbeugsamen Tausendsassas, die sein Leben prägte, wird er Jüngeren überlassen müssen. Das schmerzt. Was bleibt, ist Onkel Dittmeyer, der liebe Gutmensch aus dem Fernsehen, der Botschafter des sonnengereiften Südens. Was bleibt, ist dieses geniale Onkel-Dittmeyer-Lächeln. Kein Fünkchen Ironie, kein Jota Spott liegt darin verborgen. So ländlich-unschuldig breitete es sich in den 80er Jahren auf der Mattscheibe aus, dass niemand glauben mochte, Onkel Dittmeyer verdiene mit seinem goldgelben Saft auch noch richtig Geld. Rolf Dittmeyer lächelt tatsächlich so. Immer zum Satzende hin wischt ein Freudenimpuls jede Spur von Erschöpfung aus seinem Gesicht. Ob er nun von seinen spanischen Apfelsinen erzählt, vom aussichtslosen Kampf gegen die Maulwurfplage im Garten oder vom Krieg.

Vom Krieg? Onkel Dittmeyer in Uniform? Strammstehen? Hitlergruß? Davon hat er nie erzählt, der Onkel, nicht den Kindern auf der Plantage, auch mit seiner Frau hat er selten darüber geredet. Und schon gar nicht mit der Presse. Die wollte auch gar nicht wissen, was vor Punica und den saftigen Millionen war. Bevor Onkel Dittmeyer nämlich alles daran setzte, den besten Orangensaft der Welt zu pressen, wollte er unbedingt den Krieg gewinnen, den schlimmsten aller Zeiten. Dittmeyer schreckt jetzt selbst ein wenig vor diesem Eingeständnis zurück. Nicht dass er nachher als Kriegsfanatiker dasteht. Alle wollten ja den Krieg gewinnen, zumindest alle aus seiner Klasse. So war das eben 1940, als 19-jähriger Abiturient. Das mit dem Saft kam dann viel später und auch rein zufällig. Ebensogut könnte Dittmeyer heute für Glühbirnen oder Kaffeemaschinen stehen. Von Orangensaft, wie frisch gepresst, ist in seiner Jugend noch nichts zu ahnen. Nicht mal von Dittmeyer. Er nannte sich nämlich schlicht Meyer. Das Ditt- ließ Rolf Meyer nach dem Krieg quasi präfixen, nach einem Urahn namens "von Dittmeyer".

Rolf Bruno Hans Karl Meyer wächst in Rostock und Hamburg auf. Sein Vater arbeitet als Schlosser auf den Werften, liest anthroposophische Schriften und fühlt sich dem Kommunismus verbunden. Seine Mutter stammt aus dänischem Adel. Da der Vater von Kommerz und Kommandieren nichts hält, geht es der Familie finanziell nicht besonders gut. Der Junge soll es besser haben und wird auf eine höhere Schule geschickt. Rolf lernt und passt sich an. Bald macht er im Jungvolk Karriere und "kommandiert halb Rostock". Der Vater lässt ihn gewähren. Die Mutter hintertreibt seine freiwillige Meldung zur Luftwaffe, doch Rolf setzt sich durch. Er wird zur Baukompanie eingezogen, muss Landebahnen bauen. Er, der Abiturient, zwischen all den Arbeiterkindern. Doch Rolf kommt gut mit ihnen aus. Er fühlt sich immer der breiten Masse, dem einfachen Volk, zugehörig. Später, als oberster Punica- und Valensina-Vertreter, ruft er gelegentlich bei Hausfrauen an, um eine ehrliche Meinung einzuholen.

Eine direkte Leitung zum Kunden, das hat viele Nachkriegsunternehmer groß gemacht. Ist die Leitung irgendwann gestört, beginnt schleichend der Abstieg in die Firmenpleite. Hätte der Führer ihn, Meyer, Gefreiter der Luftwaffe, nach dem Angriff auf Russland ehrlich nach seiner Meinung gefragt, wäre die Totalpleite des Vaterlandes womöglich abzuwenden gewesen. Der Gefreite Meyer will zwar immer noch den Krieg gewinnen, aber das Unternehmen Barbarossa hält er schon früh für eine gefährliche Fehlplanung. Der Krieg geht weiter - und Rolf Meyer will endlich mitkämpfen. Er bewirbt sich immer wieder für den Flugdienst, bis er endlich für tauglich befunden wird. Er greift in Atlantik und Mittelmeer Schiffe an, in einer zweimotorigen Dornier mit der weltweit ersten fernlenkbaren Rakete. Doch die Raketen sind allesamt Blindgänger, und die Dornier wird 1943 abgeschossen. Meyer landet unverletzt im Wasser. Dort treibt er zwei Tage in seiner Schwimmweste, bis ein Wasserflugzeug ihn entdeckt und herausfischt. Dittmeyer lächelt wieder. Vielleicht ist es auch sein Schutzengel. Dittmeyer, der Draufgänger. Er hat alles in seiner Macht stehende getan, um den Krieg zu gewinnen, so wie er auch später alles tat, um den besten Orangensaft zu produzieren.

In der Gefangenschaft bei den Amerikanern lernt Rolf Meyer Englisch und beginnt nach seiner Entlassung - nun als Herr Dittmeyer - ein Anglistikstudium. Die angestrebte Promotion scheitert jedoch. "Ein Trauma", sagt Dittmeyer. So ein doller Philologe sei er aber auch nicht gewesen. Dann sagt er einen interessanten Satz, die einzige charakterliche Selbstauskunft, zu der er sich hinreißen lässt: "Ich bin nicht sehr intelligent, aber ich kann hart arbeiten."

Frischobst ist ein wildes Geschäft

Beharrlich und fleißig verfolgt er nun seinen Weg bis zum Herrscher der Punica-Oase. Der Anglist Dittmeyer sucht Anfang der 50er Jahre eine einfache Lehrstelle, läuft sich im Hamburger Hafen die Sohlen ab und kommt endlich bei einem Fruchtimporteur unter. Er lernt das Feilschen und Geschäftemachen und schreckt vor keiner noch so waghalsigen Idee zurück. Ein Kompensationsgeschäft mit der DDR will er einfädeln. Apfelsinen gegen irgendwas anderes. Mal sehen. Sein Chef winkt ab, und Dittmeyer stürzt sich umso entschlosssener ins Abenteuer. Mit einer alten Vespa fährt er in vier Tagen nach Valencia, sucht sich eine Studentenbude und beschwatzt in gebrochenem Spanisch potenzielle Geschäftspartner. Doch niemand beißt an. Dittmeyer rackert weiter. Nach Valencia versucht er es in Madrid - solange, bis das Geschäft steht: 83 EMW-Motorräder gegen Unmengen von Apfelsinen.

Dittmeyer weiß nun: Nichts ist unmöglich. Und: Man muss dahin gehen, wo die Früchte sind. Schließlich: Frischobst ist ein wildes Geschäft. 1960 macht sich Dittmeyer selbstständig. In der Garage des Hauses seiner Schwiegermutter. Oder war es der Keller? Jedenfalls baut er eine Versuchsanlage, um Orangensaft in Pfandflaschen abzufüllen. Das ist revolutionär. Bislang gibt es Saft nur in Dosen. Die Abfüllanlage wird nach Casablanca verschifft, doch die Tests mit dem örtlichen Obst verlaufen deprimierend. Der Saft schmeckt scheußlich. Trotzdem lässt der Pionier 9000 Flaschen nach Hamburg verschiffen. Als sie ankommen, schmeckt der Saft plötzlich. "Vielleicht lag es am Schütteln im Schiff. Ich weiß es nicht."

Die Marke Punica ist geboren. Onkel Dittmeyer baut Deutschlands wichtigsten Saftladen auf. "Das ging ganz fix." Der Rest ist bekannt. Schon oft erzählt. 1974 zeigt Onkel Dittmeyer persönlich zum ersten Mal seine Apfelsinen im Fernsehen. Elf Jahre später ist er immer noch auf Sendung, doch seine Firma gehört inzwischen den Amerikanern. Ein Hörsturz hatte den Onkel aus der Bahn geworfen. Acht Jahre später dann die böse Sache mit dem Song "Tötet Onkel Dittmeyer." Der leutselige Herr muss sich vor der Welt verschanzen. Die Villa wird zur Festung ausgebaut. Eigentlich auch schlimm, aber man gewöhnt sich ja an alles.

Und nun? Im Haus ist es still. Einmal klingelt das Telefon, Hund Florian kommt vorbei, dann verabschiedete sich Frau Dittmeyer, um "ins Dorf" zu gehen. Alltag im Ruhestand. Geschehnisse ohne Ereignischarakter. Das macht unruhig. Im Gespräch schaukelt fortwährend Dittmeyers rechter Fuß. Seine Finger spielen miteinander, streicheln sich, klopfen auf die Sessellehne oder kneten die Falz seiner Hose. Und nun? Historische Bücher werde er vielleicht lesen, nur ja keine Romane. Dittmeyer wird sich erstmal hinlegen. Siesta von zwei bis vier. Das hat er immer so gehalten. Das wird bleiben.

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