Zeitung Heute : Rollheimer-Proteste: Schürfwunden und eine ausgekugelte Schulter

Guido Egli

Für den 34-jährigen Wagenbewohner Winfried war die Nacht zu Sonntag eine kurze Nacht mit ungemütlichem Ende. Er hatte sein Wohnmobil am Bethaniendamm Ecke Adalbertstraße in Kreuzberg geparkt. Um 4 Uhr früh, so berichtet eine Bekannte Winfrieds, ebenfalls Wagenbewohnerin, schlugen Polizeibeamte gegen seinen Wagen, drangen ins Fahrzeug ein. Er wurde "trotz klirrender Kälte barfuß, nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet" aus dem Wagen gezerrt. Der Wagenbewohner sei dabei "körperlich misshandelt" worden: "Er hat diverse Schürfwunden und seine Schulter wurde ausgekugelt." Dafür gebe es Zeugen und ein ärztliches Attest. Die Polizei wies die Vorwürfe am Montag zurück.

Ziel der Polizeiaktion war die Auflösung einer Wagenburg. Laut den Angaben der Rollheimer haben die Beamten dabei beträchtliche Härte angewendet. Der besagte 34-Jährige sei nicht nur aus dem Wohnmobil gezwungen worden, sondern habe danach, wie Moritz Heusinger, der Anwalt der Rollheimer, mitteilt, eine Stunde auf der Straße stehen müssen, wobei ihm weitere Bekleidung verweigert worden sei. Danach sei er aufs Revier gebracht und nach drei Stunden wieder freigelassen worden. "Wir haben gegen die betreffenden Beamten bei der Senatsverwaltung eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht", sagt Heusinger.

Bei den fraglichen fünf Wagen handelte es sich um eine Restgruppe der rund 15 Fahrzeuge umfassenden Wagenburg, die bis zum vergangenen Freitagabend bei der St. Thomas-Kirche, ebenfalls am Bethaniendamm, gestanden hatte. Verbannt zu werden war für die Rollheimer nichts Neues. Ihre Burg mit Namen "Laster & Hänger" hatten sie in den vergangenen Monaten unter anderem an der Gleim-, der Köpenicker- und der Erich-Weinert-Straße aufgestellt. Das Gelände bei der St. Thomas-Kirche haben die Wagenburgler am Freitag ohne Widerstände geräumt, nachdem ihnen das Bezirksamt Mitte ein Ultimatum stellte. Auch die anschließende Spontandemonstration, bei der etwa 60 Personen Richtung Köpenicker Straße zogen, ist ohne Zwischenfälle verlaufen. Anwalt Heusinger findet deshalb: "Die Leute haben bewiesen, dass sie sich rechtstreu verhalten und Wegweisungen nachkommen." Unter diesen Bedingungen sei das Vorgehen der Polizei "unverständlich und völlig übertrieben". Heusinger zieht auch den Räumungsbefehl des Bezirksamts Mitte in Zweifel und will eine Beschwerde beim Verwaltungsgericht einreichen.

Die Berliner Polizei will von Ausschreitungen hingegen nichts wissen. "Da ist alles in friedlicher Atmosphäre verlaufen", sagt ein Sprecher. Zwar seien zwei Personen "wegen Beleidung und Widerstand" zur Feststellung der Personalien vorübergehend in Gewahrsam genommen worden. Dass dabei Gewalt angewandt worden sei, wird jedoch weder bestätigt noch dementiert. Auch bei der Senatsverwaltung für Inneres, Adressatin der Dienstaufsichtsbeschwerde, war keine Stellungnahme zu erhalten, da "eine solche Beschwerde bei uns nicht oder noch nicht vorliegt", wie eine Sprecherin sagte.

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