ROMANTISCHE OPER„Der Fliegende Holländer“ : Schicksalswellen

Uwe Friedrich

Nur selten überlebt die Sopranistin den letzten Akt einer romantischen Oper, immer wird sie geopfert zum Wohl der Männergesellschaft. In Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ darf Senta immerhin selbst entscheiden. Mit dem braven Jäger Erik hätte sie eine echte Überlebenschance, könnte auf dem heimischen Sofa geduldig abwarten, bis er aus dem norwegischen Hochland mit reicher Beute zurückkehrt. Aber die junge Außenseiterin mit Helfersyndrom entscheidet sich für den Ausbruch aus der vorgezeichneten Normalität. Sie erlöst lieber den schrecklich bestraften Holländer, der nur alle sieben Jahre an Land darf und den das Schicksal ihr wundersamerweise genau vor die Füße spült. Irgendein schreckliches Vergehen muss er einst begangen haben, aber Senta fackelt nicht lange, sondern nutzt die erste Gelegenheit zum abenteuerlichen Leben, das sie ganz schnell in den Tod führen wird.

Die Berliner Regisseurin Tatjana Gürbaca interessiert sich vor allem für die monströsen Verformungen der Protagonisten: Woran glauben sie noch? Doch wohl kaum an Gott und den Teufel, die sie so häufig im Munde führen. Ist Sentas Handeln wirklich selbstlos, oder ist es doch ein verkappter Selbstmord, für den sie endlich einen Anlass gefunden hat? Zerrieben zwischen den Interessen des Kapitals und einer kleinen Sehnsucht treibt das singende Personal auf den Wellen übergroßer Emotionen. Nachdem der Dirigent Renato Palumbo von Bord gegangen ist, soll nun Jacques Lacombe die Seefahrer sicher in den Hafen bringen. Ob sie vom Sturm vertrieben werden oder auf einer Welle der Zuneigung schwimmen, wird sich zeigen. Uwe Friedrich

Deutsche Oper, So 8.6., 18 Uhr (Prem.), Do 12.6., 19.30 Uhr, 35-118 €

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