ROMANVERFILMUNG„Krabat“ : Die Magie der Mühle

Kerstin Decker

Bleischwerer Himmel über leerem Land. Der Krieg und die Pest haben die Menschen vertrieben. Drei nicht jahreszeitgerecht gekleidete Jungen – einer heißt Krabat – irren durch den nördlichen Winter. Otto Sander kommentiert die Aufnahmen aus der Vogel-, genauer: der Rabenperspektive. Den Letzten holen die Raben? Sie holen Krabat.

Der junge Regisseur Marco Kreuzpaintner hat die alte sorbische Legende verfilmt. Wie die meisten kennt auch er sie aus Otfried Preußlers Nacherzählung, und für manchen ist „Krabat“ eine Farbe der Kindheit geblieben. – Liebe erwachsen gewordene „Krabat“-Leser! Das Buch, an das ihr euch erinnert, hat eine Seele. Dieser Film hat keine. Er setzt seine Bilder anstelle eurer Bilder. Erstere sind viel perfekter, und das ist ein Teil des Problems. Es sei denn, ihr möchtet einmal ganz genau sehen, wie sich ein Junge wie du und ich in einen Raben verwandelt.

„Krabat“, diese eigentlich doch recht kleine Geschichte von einem etwas eigenwilligen Müller und seinen zunehmend eigenwilligen Azubis, sieht ungefähr aus wie „Herr der Ringe“ und hört sich auch so an. Nimm nie zu wenig – schon gar nicht auf der Tonspur – , wo du auch zu viel kriegen kannst!

Bis sich Krabat wie die anderen in einen Raben verwandeln kann, vergeht viel Zeit. Denn es ist nicht einfach, den Alltag einer Mühle mit der strukturellen Atemlosigkeit des Actionkinos zu erzählen. Krabat wird zum Raben genau dann, als er ein fast perfektes Funktionselement der Mühle geworden ist, keinen Gott hat aus seinem Meister und den Jungen, der er einmal war, fast vergessen hat. Die Jungrabenschar funktioniert wie jeder Jungmännerbund.

David Kross („Knallhart“) als Krabat hat noch Jungenweichheit im Gesicht und muss sich doch neben Mühlengesellen wie Robert Stadlober und Daniel Brühl zurechtfinden. Die richtige Unterordnung vorausgesetzt, könnte man die ganze (Um-)Welt beherrschen. Dazu braucht es nicht mal schwarze Magie wie hier. Doch was ist stärker als jede schwarze Magie und lehrt uns, „du“ und „ich“ statt „Wir sind die Gang“ zu sagen? Auch wenn Brühl als Tonda dem jungen Krabat beispielhaft vorlebt, was es heißt, zu lieben – sollte man nicht lieber noch einmal das Buch lesen? Zu laut und atemlos. Kerstin Decker

„Krabat“, D 2008, 120 Min., R: Marco Kreuzpaintner, D: David Kross, Daniel Brühl, Robert Stadlober

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