Zeitung Heute : Romanzen unerwünscht

Elisabeth Ruge und der Berlin-Verlag machen Gewinn mit Literatur

 Daniela Martens

Es lag vor allem an dem homosexuellen SS-Obersturmbannführer Max Aue. Aber auch an Amir und Hassan aus Kabul: „Das Frühjahr 2008 war schon gigantisch für uns“, sagt Elisabeth Ruge, 49, Leiterin des Berlin-Verlags. Sie sitzt in ihrem Büro und dreht beim Sprechen ihr offenes Haar zu einem Dutt, der sich sofort wieder auflöst. Der SS-Offizier ist die Hauptfigur des Romans „Die Wohlgesinnten“ des amerikanisch-französischen Schriftstellers Jonathan Littell. Über das Werk stritten sich im vergangenen Jahr sämtliche Literaturkritiker – keine schlechte Werbung. Das Buch habe sich 130 000 Mal in Deutschland verkauft, sagt die Verlegerin. Und gleichzeitig gelangte die Taschenbuchausgabe von „Drachenläufer“ auf Platz eins der Taschenbuchbestsellerliste – ein Roman von Khaled Hosseini über die beiden Afghanen Amir und Hassan.

Rund sechs Millionen Euro setzte der größte Berliner Publikumsverlag von Januar bis Juni 2008 um: 85 Prozent Umsatzsteigerung bedeutete das. Ein so gutes Jahr sei außergewöhnlich, sagt Elisabeth Ruge. Denn einen derart erfolgreichen Roman wie „Die Wohlgesinnten“ finde man eben selten. Dass sie die deutsche Version verlegen durfte, war ein ziemlicher Coup: 15 Verlage hatten gegeneinander geboten. „Und unser Angebot war nicht das höchste.“ Die Verlegerin hatte die ungewöhnliche Idee, einen Brief mit einem Konzept miteinzureichen – eine Strategie für Werbung und Lesungen. Das überzeugte Littell und seinen Agenten. Vielleicht wussten sie aber auch, wie viel Begeisterung Elisabeth Ruge für ihre Autoren übrig hat – besonders für charismatische und ungewöhnliche. Und für solche, die zu ihrer eigenen Biografie passen. Littell habe sie auch deshalb fasziniert, weil er wie sie in zwei Kulturen aufgewachsen ist. Elisabeth Ruge verbrachte die Kindheit in den USA: „Ich habe erst mit zehn Deutsch gelernt.“

Eine Autorin, die Elisabeth Ruge besonders am Herzen liegt, ist Irina Liebmann. Zuletzt hat sie ein Buch über ihren Vater veröffentlicht: Der Journalist Rudolf Herrnstadt war an der Gründung des Berliner Verlags und der DDR-Zeitung „Neues Deutschland“ beteiligt. Wieder so eine Parallele: Auch die Verlegerin hat einen berühmten Journalisten zum Vater: Gerd Ruge. Wichtig ist Elisabeth Ruge das Buch aber vor allem, weil es „die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts reflektiert: Herrnstadt scheiterte am Beton-Sozialismus der DDR.“ Solche Bücher stünden für das besondere Programm des Berlin-Verlags. „Wir verlegen keine 08/15-Krimis oder Romances.“ Elisabeth Ruge spricht das englische Wort etwa in dem Tonfall, den andere Leute vielleicht für „Restmüll“ oder „Hundehaufen“ reserviert haben. „Alle unsere Bücher haben literarisches Niveau.“ Egal ob Roman oder Sachbuch. Oft sind es Bücher, bei denen andere Verlage zögern würden – und die dennoch Preise gewinnen, wie Liebmanns Buch.

Unter den Autoren sind viele bekannte Namen: Margaret Atwood, Péter Esterházy, Nadine Gordimer, Elfriede Jelinek. In einigen Fällen liegt das an der Partnerschaft mit Bloomsbury: Arnulf Conradi, der den Verlag gemeinsam mit Elisabeth Ruge 1994 gegründet hatte, verkaufte vor sechs Jahren an den Londoner Harry-Potter-Verlag. 2005 übernahm dann Elisabeth Ruge die Leitung. Vorher war sie Cheflektorin.

Berlin-Verlag, Berliner Taschenbuchverlag BvT, Bloomsbury Kinder &Jugendbücher und Bloomsbury Berlin – diese vier Verlagsprogramme entstehen inzwischen in den eineinhalb Etagen in einem Hinterhaus in Prenzlauer Berg, mit rund 250 Titeln pro Jahr. Der Verlag hatte von Anfang an seinen Sitz in dieser ehemaligen Textilfabrik an der Greifswalder Straße, dort, wo der Stadtteil noch ein bisschen schäbig ist. Rund 45 Mitarbeiter sitzen hier – etwa zwei Drittel davon Frauen. Die Büros haben Glasfronten zu den engen Fluren – man kann überall hineinsehen. „Sie haben gerade Ingo Schulze verpasst“, sagt sie. Der Erfolgsautor wohnt um die Ecke und kommt oft her, wie auch andere Autoren. Elisabeth Ruge will, dass sie im Verlag ein „Gefühl der Zugehörigkeit“ spüren. Auch sie selbst ist oft für ihre Autoren zu sprechen – aber nicht immer. Denn auch ihre Familie braucht Zeit – die Kinder sind elf und 13. An diesem Vormittag trägt sie Jeans und T-Shirt und ist „unheimlich müde“, ihr Sohn hatte Ohrenschmerzen in der Nacht.

Und dann geht es wieder um Umsätze: Dieses Jahr sah die Bilanz für die erste Jahreshälfte lange nicht so erfolgreich aus wie 2008 – zwei Millionen weniger haben sie umgesetzt. Aber eigentlich müsse man das eher mit 2007 vergleichen, sagt sie. Da gab es nicht so einen Ausnahmezustand wie bei Littell. Und bei diesem Vergleich sieht man einen Zuwachs – nur einen kleinen, „aber mitten in der Rezession“, sagt Elisabeth Ruge fröhlich. „Wir bekommen das hin: mit Literatur auf hohem Niveau einen Profit machen.“

www.berlinverlag.de

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