Zeitung Heute : Ron Sommer: Der schöne Schein

Corinna Visser

Herr Sommer, was haben Sie mit meinem Geld gemacht?", fragen die Kleinaktionäre via "Bild"-Zeitung. Kein deutscher Manager steht zurzeit so im Kreuzfeuer der Kritik wie Ron Sommer, der Vorstandschef der Deutschen Telekom. Drei Millionen Privatanleger blicken auf die verheerende Entwicklung ihrer Wertpapierdepots. Die Rücktrittsforderungen reißen nicht ab. Wer, wenn nicht der Mann an der Spitze des Konzerns, muss die Verantwortung übernehmen für den katastrophalen Absturz der T-Aktie? Missmanagement wird dem einst so gefeierten Unternehmenschef vorgeworfen. Viele zerren an seinem Stuhl. Doch Ron Sommer bleibt gelassen: Mein Stuhl wackelt nicht, sagt er. Und er sagt auch, dass die Leute, auf die es ankommt, immer noch hinter ihm stehen. Noch.

Aura der Unfehlbarkeit

Vor genau einem Jahr sah die Welt für die Telekom-Aktionäre noch rosig aus. Damals war die Deutsche Telekom an der Börse 315 Milliarden Euro wert, heute sind es 80. Das Geld der Anleger ist weg, 235 Milliarden Euro sind vernichtet. Wie lange wohl wird Ron Sommer den wütenden Angriffen der Anteilseigner noch standhalten können? "Ich habe großes Verständnis für den Zorn der Aktionäre", sagt er. Aber dass er Fehler gemacht haben könnte, sieht er nicht. Die Schuldigen, das sind für Sommer die anderen: die Regulierungsbehörde, die grundsätzlich gegen die Interessen der Telekom entscheidet, die Börsen, denen der richtige Durchblick fehlt, und jetzt auch die Medien, die ganz ungerechtfertigter Weise auf seinem Unternehmen herumhacken.

Noch immer prallen die Vorwürfe scheinbar folgenlos an der Aura der Unfehlbarkeit ab, mit der sich der Telekom-Manager umgibt. Auf Kritik an der Telekom reagiert er persönlich gekränkt. Doch Sommer verliert in der Öffentlichkeit niemals seine Fassung, wie die Öffentlichkeit überhaupt wenig weiß über den Mann, der nicht bei Sabine Christiansen plaudert und nicht bei Biolek kocht.

Unter der Fassade brodelt es freilich. Da ahnt man, wie beleidigt er ist darüber, dass sein Unternehmen auf einmal schlecht dasteht. Er wirkt fast eingeschnappt wie ein Kind. Und manchmal, wenn er sich beklagt, wie schlecht die Regulierungsbehörde die Telekom behandelt, kann er richtig wütend werden. Er fühlt sich notorisch missverstanden in seinem Bestreben, aus der Telekom einen Konzern von Weltgeltung zu machen.

Nicht immer stand der 51-Jährige so hart in der Kritik. Als Ron Sommer den Vorstandsvorsitz bei der Deutschen Telekom übernahm, da sahen alle in ihm den Überflieger, den Bilderbuchmanager, das Marketing-Genie. Ein schillernder Lebenslauf: 1949 als Sohn eines Russen und einer Ungarin in Haifa geboren, in Wien aufgewachsen. Dort studierte er Mathematik; als er promovierte, war er gerade einmal 21.

Seine berufliche Laufbahn begann in Wien, führte ihn dann in ein Computerunternehmen in die USA, von wo Heinz Nixdorf den jungen Manager 1974 in den deutschen Computerkonzern holte. Sommer leitete die Nixdorf-Niederlassung in Paris, später den Konzernbereich Übersee in der Paderborner Zentrale. 1980 wechselte er zum japanischen Elektronikkonzern Sony. Über mehrere Stationen in Europa und den USA arbeitete er sich bei Sony bis zum Europa-Chef empor. Im Mai 1995 unterschrieb der technik- und computerbegeisterte Manager dann einen Fünf-Jahresvertrag als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom.

Er trat ein schwieriges Amt an. Als Vorstandschef sollte er aus der trägen Telefonbehörde einen international wettbewerbsfähigen Konzern bauen. Eine radikale Schrumpfkur stand dem Unternehmen bevor. Personal musste in großem Stil abgebaut werden, ebenso der Schuldenberg, der durch den Aufbau des Telefonnetzes in Ostdeutschland astronomische Höhen erreicht hatte. Absehbar war auch, dass die Telekom Marktanteile abgeben musste, denn nur so konnte der politisch gewollte Wettbewerb auf dem Markt entstehen. Es hätte sicher leichtere Aufgaben für Sommer gegeben. Doch Ron Sommer, der Eigenwillige, hat die Herausforderung gerne angenommen.

Global player oder local hero?

Zunächst konnte er sein Verkaufstalent unter Beweis stellen. 1996 brachte er die Deutsche Telekom erfolgreich an die Börse und machte aus vielen deutschen Sparern zum ersten Mal Aktionäre. 1999 gelang es ihm ein zweites Mal, 285 Millionen T-Aktien auf den Markt zu bringen, und auch im Juni vergangenen Jahr verkaufte er noch einmal 200 Millionen Stück - obwohl der Kurs schon von 104 Euro im März auf unter 70 Euro gefallen war. Unermüdlich reisten Sommer und sein Vorstandsteam vor der Platzierung der Aktien rund um den Erdball, um überall auf der Welt Investoren für die T-Aktie zu begeistern. Und auch nach zehn Stunden, in denen Sommer ein Vier-Augen-Gespräch nach dem anderen mit den mächtigen Investoren geführt hatte, sah er im Interview abends noch genauso frisch und makellos gestylt aus wie am Morgen.

Doch immer wieder musste sich Sommer vorhalten lassen, seine vielen Versprechungen nicht einhalten zu können. Statt eines "Global Players", wie der Manager sein Unternehmen immer gerne sehen wollte, sei die Telekom doch eher ein "Local Hero". Der bisher Misserfolg seiner Internationalisierungsstrategie: die geplatzte Fusion mit Telecom Italia im Jahr 1999. Bei der Übernahme von One-2-One musste Sommer sich sagen lassen, er habe zu viel für das britische Mobilfunkunternehmen gezahlt. Nur wenig später gab Mannesmann deutlich mehr für den One-2-One-Konkurrenten Orange aus - eine kleine Genugtuung für den Telekom-Chef. In Osteuropa hat Sommer ein weit verzweigtes Beteiligungsnetz aufgebaut, dem jedoch kaum jemand großes Interesse schenkt. Es wird wohl auch noch ein paar Jahre dauern, bevor nennenswerte Erträge aus dem Osten nach Bonn fließen.

Kritik steckte Sommer schließlich auch für die geplante Übernahme der amerikanischen Mobilfunkunternehmen Voicestream und Powertel ein. Zwar gelänge damit endlich der langersehnte Schritt in die USA, aber der Kaufpreis sei zu hoch und Gewinne könne er von dort in absehbarer Zeit auch nicht erwarten. Jetzt kann ihm auch noch der Absturz der T-Aktie, mit der er Voicestream zum Teil bezahlen will, einen Strich durch die Rechnung machen. Wenn der Kurs dauerhaft unter 33 Euro sinkt, dürfen die Voicestream-Aktionäre nachverhandeln - oder der Deal platzt.

Auslöser für das Kursdebakel waren die astronomisch hohen Summen, die die Telekom - wie die anderen europäischen Telekommunikationskonzerne - in die neue Mobilfunktechnik UMTS gesteckt hat. Nach der Euphorie im Frühjahr vergangenen Jahres stellte sich angesichts der Schulden, die die Konzerne bei den Anlegern aufgehäuft haben, plötzlich Ernüchterung ein. Jetzt wird nur noch auf die schlechten Nachrichten gehört. Viele Händler geben Ron Sommer Recht, der Absturz der T-Aktie sei kein sommer-spezifisches Problem, alle europäischen Telekommunikationsaktien litten unter Schwindsucht.

Doch das tröstet die Anleger nicht. Sie fühlen sich von Sommer verführt und am Ende verschaukelt. Er leitet den Konzern fast im Alleingang, er repräsentiert die Telekom, also muss er sich den Vertrauensverlust auch selbst zurechnen.

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