Zeitung Heute : Ronaldinho verehren

Markus Huber

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Mein Mädchen macht mir Sorgen, seit geraumer Zeit schon, und das kommt daher, dass sie in Geografie nicht besonders sattelfest ist, aber wie sollte sie auch, sie ist ja erst sechs. Oder ist sie verrückt? Schizophren? Bekloppt?

Mein Mädchen, und das ist verdammt wichtig zu sagen, ist Österreicherin. Von Geburt an schon. Es steht in ihrem Pass, sie wohnt in Wien, die Sache sollte also klar sein, ist sie aber nicht, weil mein Mädchen in Berlin geboren wurde. Und nun das Problem: Beim Fußball hält sie zu Deutschland! Wenn Deutschland spielt, jubelt sie, sie fragt jeden, den sie sieht und noch nicht mal kennt, ob er auch zu Deutschland hält, und erst kürzlich wünschte sie sich ein Deutschland-Trikot. Jeder, der mal in Österreich an einem öffentlichen Platz ein Deutschland-Spiel gesehen hat, kann sich das Ausmaß der Katastrophe vorstellen, ein Bildausfall beim Elferschießen ist nichts dagegen: Ich werde behandelt wie ein Paria. Meine Entschuldigung „... in Berlin geboren ...“ ist für die Katz, selbst Freunde sagen, ich hätte bei der Erziehung total versagt. Gut möglich, dass bald die Jugendfürsorge vor meiner Tür steht.

Doch dann habe ich ihr ein Panini-Album gekauft, und nun scheint sich die Sache zum Guten zu wenden. Dank des Panini-Gotts, der in die Tüten zu viele Holländer und Deutsche gab, dafür aber mit den Brasilianern geizte, setzt bei ihr ein Umdenken ein. Klebebilder der Deutschen bringen auf der Tauschbörse im Kindergarten nämlich gar nichts mehr, Brasilianer aber erzielen astronomische Preise: Ein Ronaldinho etwa wurde kürzlich gegen fünf Deutsche, das Italien- Wappen und ein Eis getauscht. Mein Mädchen fragte mich, ob das daran liegt, dass die Brasilianer besser Fußball spielen. Ich wollte zu einem Exkurs über die Gesetze der Börse, Angebot und Nachfrage und das freie Spiel der Marktwirtschaft anheben. Doch dann witterte ich meine Chance. Ich sagte Ja und kaufte ihr ein Ronaldinho-Shirt.

Eine Panini-Tauschbörse gibt es u.a. im Café Enzian, Yorckstraße 77, Berlin-Kreuzberg

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