Rosenthal : Der Verkauf des Tafelgoldes

Rosenthal – das war das Porzellan des Wirtschaftswunders. Das Geschirr zu Aufschwung, sicheren Renten und Italienurlaub. Nun ist die Firma in Schwierigkeiten.

Verena Mayer[Selb Oberfranken]

Maria. Das weiße Geschirr mit der leicht kantigen Form, bei dem man das Gefühl hat, es schon tausend Mal gesehen zu haben. Man hat es auch schon tausend Mal gesehen, denn Maria ist ein deutscher Klassiker, genau wie Rosenthal, die Firma, die es herstellt. Maria, dabei denkt man an Kaffee und Kuchen und draußen nur Kännchen. Ein Geschirr wie ein deutscher Sonntagnachmittag, ein bisschen spießig vielleicht, aber schön, eine heile Welt. Eine heile alte Welt.

Brautpaare lieben Maria. Elvira Sabic hat sie in ihrem Computer gespeichert, all die Teller, Töpfe und Terrinen, die sich Leute zu ihrer Hochzeit wünschen. Sabic arbeitet im Berliner Kaufhaus KaDeWe und ist für die Hochzeitstische zuständig, die allerdings keine Tische mehr sind, sondern Dateien im Computer. In ihrem dunklen Kostüm hat Sabic etwas von einer Bankangestellten, um ihren Hals baumelt ein Anhänger, der aussieht wie ein Ehering. Als sie vor zehn Jahren anfing, standen bei den Brautpaaren Muster mit viel Gold hoch im Kurs. Derzeit sei „das schlichte Weiße“ gefragt, sagt Elvira Sabic.

In zwei dicken Büchern kleben die Hochzeitsfotos, die Sabic von ihren Kunden bekommen hat. Bilder von Karoline & Christian, Carina & Oliver, Nadine & Dirk, vor einem Schloss, am Strand oder im BMW. Sabic ruft auf dem Computer eine Liste auf, seitenweise Salzstreuer, Kuchengabeln, Pastaschüsseln, Fondueteller, Messerbänkchen, Hummerzangen, Pellkartoffelsets, jede von Sabics Listen ist die Inventur eines gutbürgerlichen Traums. Und dazwischen immer wieder Maria von Rosenthal.

Doch mit Rosenthal, dem Ausstatter der deutschen Mittelschicht, Hauptsitz Selb in Oberfranken, ist es gerade wie mit dünnem Porzellan: Die Zukunft ist äußerst ungewiss. Seit Juni steht Deutschlands führender Porzellanhersteller zum Verkauf. Waterford Wedgwood, der irische Luxusgüterkonzern, der seit 1997 die Aktienmehrheit hält, hat Schulden von 488 Millionen Euro angehäuft und braucht dringend Geld. Während die einen das Unternehmen schon an einen Finanzinvestor verhökert sehen, glauben die anderen, dass es nur aufwärts gehen kann. Sicher ist nur eines: Rosenthal steht für ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte, für ihre guten und für ihre schlechten Zeiten.

Ende des 19. Jahrhunderts von Philipp Rosenthal gegründet (nach dessen Frau, einer Gräfin, auch das Porzellan Maria benannt ist), wurde die Firma erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem, was sie heute ist. Rosenthals Sohn, Philip Rosenthal junior, engagierte Künstler und Designer aus aller Welt, Walter Gropius, Roy Lichtenstein oder Andy Warhol. Rosenthal wurde das Porzellan des westdeutschen Wirtschaftswunders, gediegen und doch zeitgemäß. Das Geschirr zu Aufschwung, sicheren Renten und Urlaub in Italien. Schon allein die Namen der Designs klingen wie Verheißungen: „Zauberflöte“, „Riviera“, „2000“.

Wenn heute in Selb der Name Philip Rosenthal junior fällt, sieht man verklärte Blicke. Fotos zeigen einen älteren Herrn mit stechendem Blick, den man sich sowohl in einem Zigarrenclub als auch bei einer Expedition vorstellen kann.

Nachdem sein Vater 1934 wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Unternehmen gedrängt worden war und emigrieren musste, ging Philip Rosenthal nach Frankreich zur Fremdenlegion. Er wollte gegen Hitlerdeutschland kämpfen, hielt aber bald die Gewaltmärsche durch die Wüste und die ständig besoffenen Kameraden nicht mehr aus und desertierte. Unter falschem Namen unterrichtete er in Casablanca als Privatlehrer und war Spion der französisch-marokkanischen Untergrundbewegung. Er wurde inhaftiert, floh und gelangte dann nach England, wo er sich als Sprachenlehrer und Journalist durchschlug. Nach dem Krieg ging er zurück nach Deutschland und zu Rosenthal, seine Mutter und er hatten als Wiedergutmachung elf Prozent der Firmenaktien zurückerhalten.

Philip Rosenthal steht für eine Zeit, in der Unternehmer noch keine Manager waren, sondern Vaterfiguren. Philip Rosenthal ließ für seine Arbeiter einen Teich mit Flamingos anlegen, die Fabrik vom Künstler Friedensreich Hundertwasser umgestalten. Er beteiligte seine Mitarbeiter am Gewinn, ging 1969 für die SPD in den Bundestag, war Staatssekretär im Wirtschaftsministerium.

Selb liegt eingebettet zwischen sattgrünen Hügeln, der Ort nennt sich selbst die „Stadt des weißen Goldes“. Hier lebt alles vom Porzellan, es gibt etliche Manufakturen, ein Museum, und in der Altstadt ist sogar eine Straße mit Porzellan gepflastert. Wuchtig und rotbraun ragt das Verwaltungsgebäude von Rosenthal aus der Stadt. Auf die Fassade ist ein Regenbogen aufgemalt.

Die Arbeiter, die sich selbst bis heute stolz „Rosenthaler“ nennen, legten lange Wert darauf, nicht in einer Fabrik zu arbeiten. Als 1967 ein neues Werk eröffnet wurde, bestanden sie darauf, es „neue Produktionsstätte für unser Porzellan“ zu nennen. „Fabrik“, so sagten die Rosenthaler, „ist ein scheußliches Wort dafür. Fabrik: ein mechanisches Ungeheuer, das Geist und Seele tötet, hässlich und schmutzig. Das wollten wir nicht.“

Längst fallen in Selb scheußlichere Worte als „Fabrik“. „Restrukturierung“ zum Beispiel, oder „Automatisierung“. Einige davon führt Ottmar C. Küsel, Vorstandsvorsitzender von Rosenthal, im Mund. Küsel strahlt eine korrekte Lässigkeit aus, aber sein Händedruck ist feucht. Die Bilanzen von Rosenthal sind seit Jahren schlecht. Zu hohe Kosten, zu viel Billigporzellan aus China, und die Leute kaufen ihr Geschirr bei Ikea oder Tchibo. Und dann ist da noch der irische Eigentümer, dem selbst die Märkte wegbrechen. Waterford Wedgwood, das ist ganz altes Europa, Kristall und Porzellan, gemacht für Königinnen und die Tafeln der Queen Mary. Zu fragil für die Verwerfungen der Wirtschaft von heute, für Dollarschwäche und Immobilienkrise. Vielleicht auch einfach aus der Zeit gefallen.

Über den bevorstehenden Verkauf will Ottmar C. Küsel nicht sprechen, nur so viel: „Wir sind im Umbruch, keine Frage.“ 2900 Menschen arbeiteten noch vor ein paar Jahren hier, heute sind es 1000 weniger, demnächst sollen weitere 270 Mitarbeiter gehen. Nur mehr eine Handvoll Menschen hat in den Werkhallen zu tun, Porzellanverarbeitung ist Technik. Selbst der Schriftzug, das nach rechts geschwungene „Rosen“ und das nach links geschwungene „thal“, wird von Maschinenarmen auf das Porzellan gestempelt.

Dagegen ist die Kunst-Abteilung angenehm anachronistisch. Brennöfen, Regale mit Gipsformen, es riecht wie im Werkunterricht. Menschen sitzen an Holztischen, sie modellieren, raspeln und pinseln. Neben ihnen stehen die wenigen Stücke, die hier am Tag mit der Hand gemacht werden, winzige Balletttänzerinnen aus Porzellan, Kunstobjekte, Hunde aller Rassen. Adler mit ausgebreiteten Schwingen oder eine Gruppe von Enten, bei denen jede Feder einzeln zu schimmern scheint. 23 000 Euro werden die Enten einmal kosten. 100 Arbeitsstunden dauert allein die Bemalung.

Ottmar C. Küsel glaubt an folgende Entwicklung: Auf der einen Seite die Leute, die sich immer teurere Luxusgüter leisten können. Auf der anderen Seite die, die ihr Geschirr beim Discounter kaufen. Und der Bereich dazwischen, der bröckelt weg. Diejenigen, die „das schlichte Weiße“ wollen und einen Hochzeitstisch im KaDeWe.

Küsel ist jetzt oft in Indien und in China, dort, wo die Neureichen der Globalisierung leben, hungrig nach westlichen Konsumgütern und westlicher Tischkultur. Als Küsel unlängst wieder in China war, saß er an einem Tisch, der für acht Personen gedeckt war, für vier Chinesen und vier Deutsche. Auf dem Tisch lagen vier Mal Stäbchen und vier Mal Besteck. Die Deutschen aßen dann alle mit Stäbchen, die Chinesen nahmen das Besteck.

50 Millionen Chinesen hätten bereits ein Einkommen wie ein durchschnittlicher Europäer, sagt Küsel, „und diese neue gehobene Mittelschicht wird in den nächsten Jahren noch wachsen“. Es ist schon kurios: Ausgerechnet das Land, in dem einst das Porzellan erfunden wurde und das heute die Märkte massenhaft mit Billigporzellan beliefert, soll der Hoffnungsmarkt für die deutsche Porzellanmanufaktur werden.

Bei Ursula und Klaus Krüger ist die Welt noch intakt, denn sie lässt sich ordnen. Nach Dekoren, Formen, Mustern, nach „Romanze“, „1001 Nacht“ oder „Zauberflöte“. Die Krügers sammeln Rosenthal-Porzellan. Sogar eine eigene Wohnung haben sie sich dafür gekauft, in einem Neubau in Braunschweig. Überall Teller, Kannen, Figuren, sauber aufgebaut und aufgereiht in Regalen und Vitrinen, es müssen Hunderte Stücke sein, viele davon sind alt.

Die Vergangenheit der Porzellankultur ist die Gegenwart der Krügers. Die beiden, Rentner Anfang siebzig, er im blauen Hemd, sie im rosafarbenen Pullover, sitzen fast regungslos auf ihren Stühlen, so, als hätten sie Angst, etwas könnte kaputtgehen. Nur Klaus Krüger springt manchmal auf und zieht irgendwo eine Schüssel oder einen Teller hervor, gerade bei Ebay ersteigert. Er ist die treibende Kraft, sie hört ihm mit dem nach innen gekehrten Blick einer Ehefrau zu, die all die Geschichten bereits kennt. Nur manchmal schüttelt sie den Kopf und sagt, dass das Porzellan sie noch in den Ruin treiben werde. Doch für Klaus Krüger ist genau so das Paradies: aus Porzellan. „Ich setze mich hierher, höre Musik, die zur Sammlung passt, und dann bin ich in einer anderen Welt.“

Manchmal machen sie sich Gedanken, wie ihre Sammlung die Zeiten überdauern wird. Gemeinsame Kinder haben sie nicht, Ursula Krügers Sohn aus erster Ehe interessiert sich nicht sehr dafür. Klaus Krüger schiebt das Thema mit einer Handbewegung weg, er will nicht über die Zukunft sprechen. Ursula Krüger schüttelt den Kopf. „Ich werde jedenfalls vor dir sterben. Denn ich habe keine Lust, hinter dir herzuräumen.“ Und was, wenn Einbrecher kommen und alles kaputtschlagen?

Wer bei den Krügers sitzt, merkt, was für dialektische Qualitäten Porzellan eigentlich hat. Ein Material von bleibendem Wert und doch so leicht zerbrechlich. Rosenthal hat gerade eine Vase herausgebracht, die aussieht, als würde sie in der Mitte zusammengedrückt und bersten. Scherben zeichnen sich auf dem Vasenhals, die Vergänglichkeit ist ein Teil des Ganzen. „Vase of Phases“ heißt das Design, die Vase der Phasen.

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