Zeitung Heute : "Rosenthals Vermächtnis": Wileks Stammeln Wilhelm Dichter erzählt aus einer jüdischen Kindheit

Nicole Henneberg

Als die diesjährige Buchmesse Polen als Schwerpunkt wählte, war klar, dass vor allem die jüngere polnische Autorengeneration, etwa die "Gruppe 89" im Zentrum stehen würde. Eine ihrer interessantesten Autorinnen, Olga Tokarzcuk, machte die Unterschiede zu den Älteren vor allem daran fest, dass ihre Generation die erste sei, die nicht mehr unmittelbar auf die politische Situation reagieren müsse. Das habe weitreichende Folgen: Es erlaube den Schriftstellern unter anderem, erstmals eine eigene Mythologie ihres Landes und dessen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert zu entwickeln.

Wilhelm Dichter, der 1935 im ostpolnischen Boryslaw (heute zur Ukraine gehörig) als Kind einer assimilierten jüdischen Familie geboren wurde und den Krieg als einer der Wenigen seiner Familie überlebte, hat sich diese innere Unabhängigkeit, ohne die jedes Schreiben zum Scheitern verurteilt ist, durch Emigration erzwungen: 1968, nach den neu aufflammenden antisemitischen Kampagnen in Polen, gab er seine erst vor kurzem begonnene Lehrtätigkeit an der Warschauer Technischen Universität auf und emigrierte in die USA.

In seinem ersten, mit über sechzig Jahren geschriebenen Roman "Das Pferd Gottes" (1996; deutsch zwei Jahre später) begann Wilhelm Dichter die Überlebensgeschichte des Kindes Wilek zu erzählen, hinter dem unschwer er selbst zu erkennen ist. Nichtjüdische Bekannte verstecken die Familie Wileks zunächst auf einem Dachboden, dann in einem Brunnen. Wilek ist damals noch klein, sein Überleben erscheint allen als Wunder. Die zeitlich anschließende Geschichte des zweiten Romans "Rosenthals Vermächtnis" wird ganz aus der Sicht des heranwachsenden Kindes erzählt. Es ist diese eigenwillige, stark assoziative und sprunghafte Erzählweise, die dem Roman seine Prägung gibt.

Wie eine Kamera nimmt der jugendliche Erzähler die Bilder seiner Umgebung auf, kombiniert sie mit Erinnerungsfetzen und Assoziationen und registriert dabei seine schnell wechselnden, ambivalenten Gefühle. Dabei entsteht ein manchmal fast schon hektisch wirkender Text, der beim Leser den Eindruck erweckt, der Erzähler möchte sich manchmal am liebsten von seinen Gegenständen abwenden.

Es sind die für die Polen bitteren Jahre zwischen dem Ende des Krieges und dem Tod Josef Stalins 1953, von denen der Roman erzählt. Während sich im besiegten Deutschland das Wirtschaftswunder abzeichnet, gliedert die Sowjetunion den jungen polnischen Staat gewaltsam in ihren Machtbereich ein. Die traditionell patriotisch eingestellte Bevölkerung wird im Eilverfahren kommunistisch "umerzogen".

Ein Gefühl von Bedrohung



Die Streitgespräche in der Familie spiegeln die widersprüchliche Stimmungslage in der Gesellschaft wieder. Wileks Stiefvater - sein Vater starb während des Krieges - will mit allen Mitteln Karriere im Außenministerium machen, während seine Mutter dem neuen Lebensstandard nicht traut und insgeheim von Emigration träumt: Zu tief sitzt das Gefühl, als jüdische Familie auch im kommunistischen Polen nicht sicher zu sein; und die sich häufenden Nachrichten von antisemitischen, politischen Prozessen in der Sowjetunion geben ihr Recht.

Wilek selbst, der sich danach sehnt, ein ganz normales, polnisches Kind zu sein, geht der furchtsame Skeptizismus seiner Mutter genauso auf die Nerven wie der bornierte Parteiglaube seines Stiefvaters. Für den Sohn entsteht zwischen beiden Haltungen ein Vakuum, das er zunächst mit Überanpassung in der Schule - er besucht inzwischen ein sozialistisches Elitegymnasium - auszufüllen sucht. Doch je erfolgreicher er nach außen hin wird - er ist sogar zum "Agitator" ernannt worden und darf die Wandzeitung in seiner Klasse redigieren - desto mehr fühlt er sich als Simulant. Die Sprache, die er im Munde führt, ist nicht seine eigene.

Dramaturgisch geschickt, führt Wilhelm Dichter an diesem ethischen und existentiellen Nullpunkt seines Erzählers dessen negativen Mentor Rosenthal ein. Dieser, ein deutscher Jude, wurde im Parteiapparat der KPD zum unerbittlichen Dogmatiker gedrillt und lebt, nach wie vor überzeugter Stalinist, seinem Zögling das Falsche im Falschen vor. Je menschenverachtender seine Reden werden, desto klarer sieht Wilek die Kontinuität zwischen Kriegszeit und Gegenwart in der alltäglichen Gewalt, ohne sich der Faszination der politischen Utopie ganz entziehen zu können.

Wileks Sprache wird immer leiser, immer stammelnder, und die damit einhergehende allmähliche Auflösung der Sprachoberfäche gibt dem Subtext des Buches zunehmend Raum: Das eigentliche Thema von "Rosenthals Vermächtnis" ist die Vernichtung der Juden, die Vernichtung ihrer Sprache und persönlichen Integrität. Imre Kertész, der, sechs Jahre vor Wilhelm Dichter in Budapest geboren, vom Gymnasium weg zunächst nach Auschwitz, dann nach Buchenwald deportiert wurde, hat in seinen Tagebüchern oft beschrieben, welchen Schwierigkeiten sich eine Sprache gegenüber sieht, die den Holocaust angemessen beschreiben will.

Wilek lässt sich als eindringliche Verkörperung dieser (Sprach-)Schwierigkeiten lesen. Zwischen Sentimentalität, Verzweiflung und Verstummen einerseits, Anpassung, Pragmatismus und Wut andererseits, stellt sich der gerade der Pubertät entwachsende junge Mann am Ende unter den Schutz der einzigen Macht, der auch Imre Kertesz wirklich rettende Kräfte zubilligt: der Liebe.

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